Protokoll des 2. Treffens der Arbeitsgemeinschaft allegro-Nordwest

im Forschungszentrum Terramare, Wilhelmshaven, am 20. Oktober 1995

Nach der Begrüßung durch den "Hausherrn" Sibet Riexinger eröffnet Heinrich Allers (BIS Oldenburg) die Tagung mit dem Vortrag allegro, ohne daß man's merkt: Eine für den Einsatz in öffentlichen Bibliotheken gedachte und in DOS programmierte Suchoberfläche, bei der die eigentliche allegro-Oberfläche unsichtbar bleibt. (Leider sieht man nicht alles von dem, was eigentlich demonstriert werden sollte). Es wird diskutiert, ob eine "Vereinfachung" der allegro-Abfrage überhaupt erforderlich und sinnvoll ist - sei es aus didaktischen oder auch rein pragmatischen Gründen, weil dann die öffentlich zugänglichen Katalogterminals in den Bibliotheken noch mehr als bisher von jungen und alten "Computerkids" belagert wären.

Nach der Kaffeepause geht es weiter in zwei Arbeitsgruppen:

I) allegro in öffentlichen Bibliotheken

Folgende Themen wurden behandelt:

1.
Welche Möglichkeiten bietet ein Allegro-OPAC? (Moderator: Jochen Dudeck)

Die Stadtbücherei Nordenham bietet seit drei Jahren einen OPAC an. Die Benutzer kommen mit dem OPAC gut zurecht. Die Benutzungsanleitung ist sehr kurz gehalten und wird den vielfältigen Möglichkeiten des Programms nicht gerecht. Es hat sich aber herausgestellt, daß Anleitungen über eine Seite Text hinaus nicht gelesen werden.

Als nicht praktikabel erwies sich auch die Aufnahme weiterer Dienste (Buchhandelskatalog etc.) in den OPAC, vor allem unter einer anderen Benutzeroberfläche. Schon die Unterscheidung zwischen Bibliothekskatalog und Zeitschriftendienst, die beide unter Allegro angeboten werden, scheint für viele Nutzer eine Überforderung zu sein, obwohl unterschiedliche Farben eingesetzt werden.

Schwierig ist auch, den kindlichen Spieleffekt auszuschalten. Der "spielerische Umgang mit dem elektronischen Medium Online-Katalog" ist oft nichts anderes als ein geistloses "Herumgehacke" ohne jeden Lerneffekt.

Die Angabe einer Nummer des Regals, in dem das Medium zu finden ist, ist in die Titelanzeige integriert. Realisiert wird dies über "Signatur-Stammsätze". Die Regalnummer wird in der Anzeige lediglich nachgeladen.

Das neue "Graphik-Modul" von apac (apacg genannt) bietet die Möglichkeit, von der Anzeige aus andere Anwendungen aufzurufen. In Nordenham wird davon bisher in zweierlei Weise Gebrauch gemacht. Einmal werden an einzelne Titel Hinweise, Klappentexte oder Inhaltsangaben als Textdateien angehängt. Daneben gibt es "Pseudotitel" wie "Schülerhilfe Geschichte", über die umfangreiche Hilfsdateien aufgerufen werden können. Zwar ist dies ein eher primitives "Multimedium", geht aber weit über das Übliche hinaus.

2.
Informationen aus der Büchereizentrale Lüneburg (Moderator: Jan- Peter Grünewälder)

Mit dem Ausleihmodul von Allegro-ÖB arbeiten bisher erst drei Bibliotheken, davon leiht nur Goslar aus. (Nordenham arbeitet seit zwei Jahren mit alf, aber nach dem alten NMN-Schema). Das Modul muß in Einzelfunktionen (Statistik, Gebühren etc.) noch ausgetestet werden. Eine neue OPAC-Version steht bevor. Außerdem werden noch weitere Verbesserungen an dem Kernsystem vorgenommen. Gravierende Fehler, wie bei der automatischen Nummerngenerierung (bittere Erfahrungen in Oldenburg!) wurden behoben.

Auf großes Interesse stießen die Unterlagen der BZL über die Kalkulation bei der Anschaffung maschinenlesbarer Ausweise. Deutlich wurde, daß die Wahl eines Auswahltyps die Arbeitsabläufe beim "Echteinsatz" bestimmt.

3.
Anbindung von Zweigstellen

Mit Allegro ist die Online-Anbindung von Zweigstellen praktisch nicht möglich. Ausführlich diskutierten die TeilnehmerInnen die Konsequenzen für ein mittelstädtisches Bibliothekssystem. Wie soll der interne Leihverkehr, die Verwaltung von Gebühren und Leserdaten aussehen? Wie sollte der Datenabgleich geschehen, über Disketten oder DFÜ? Täglich, mehrmals am Tag oder wöchentlich?

Die Implementierung von EDV, speziell Allegro, geschieht organisatorisch eher "hemdsärmelig". Es fehlen noch Konzepte und Studien zur Bibliotheksorganisation, welche die Möglichkeiten einer Software wirklich ausreizen.

Das Arbeitsgruppen-Treffen wurde insgesamt als sehr hilfreich empfunden. Im Frühjahr will sich die "ÖB-Sektion" von Allegro-Nordwest zusätzlich zum "Herbst-Plenum" treffen. Die Organisation werde die BZL und Nordenham übernehmen.

II) Bibliothekarische Anwendungen in wissenschaftlichen Spezialbibliotheken / Nichtbibliothekarische Anwendungen

Ina Donner (Landschaftsverband der ehemaligen Herzogtümer Bremen und Verden) berichtet von ihren erfolgreichen Versuchen, allegro zum Aufbau einer Künstlerdatei für das Dreieck zwischen Elbe und Weser einzusetzen. Trotz begrenzter zeitlicher Ressourcen ermöglicht ihr die Datei inzwischen, Ordnung in einen Wust von Zeitungsausschnitten zu bringen und rasch Auskunft darüber zu geben, womit ein Künstler wo und wann gewirkt hat, insbesondere im Fall von Künstlern mit nur regionalem Bekanntheitsgrad.

Damit in Zukunft solche Personendaten auch mit anderen Institutionen ausgetauscht oder abgeglichen werden können, wird der Ruf laut nach der Berücksichtigung bestehender Schlagwort- und Personennormdateien (etwa der Deutschen Bibliothek), um deren Identifikationsnummern in das eigene Stammsatz-Katalogisat übernehmen zu können. Allerdings werden kleinere, regional verankerte Institutionen hierbei wohl eher die gebenden als die nehmenden sein, da viele der von ihnen erfaßten Personen in den überregionalen Dateien (noch) gar nicht vorkommen.

Anschließend demonstriert Thora Humbert (Oberlandesgericht Oldenburg) die Verwaltung von Systematiken in allegro-Stammsätzen. Die Systemstellen selbst dienen dabei als Identifikationnummern. Das in ihnen enthaltene Sonderzeichen "Punkt", das allegro als Teil dieser Nummer nicht zuläßt, wird global durch ein "p" ersetzt, erscheint in der Anzeige aber wie gewohnt als Punkt. Durch eine einmalige Ergänzung z.B. des Klartextes einer Systemstelle in einem Stammsatz wird diese Ergänzung automatisch in der Anzeige aller zugehöriger Titelsätze vorgenommen. Dadurch können altehrwürdige, aber starre Systematiken flexibler als bisher verändert werden.

Cornelia Küchmeister und Jürgen Zander (Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel) verwenden allegro zur Nachlaßerschließung, allerdings nicht mit dem HANS- Format, wie im Tagungsprogramm angekündigt, sondern einer eigenen Adaptation der Regeln der Erschließung von Nachlässen und Autographen (RNA). Sie berichten in ihrem Vortrag über Schwierigkeiten bei der korrekten Vergabe der Identifikationsnummern. Da sie häufig neue Mitarbeiter mit zeitlich begrenzten Verträgen einarbeiten müssen, wünschen sie sich eine "idiotensichere" Dateneingabe bei allegro.- Aber, so wird in der Diskussion eingeworfen: Ein Programm mag noch so "intuitiv" bedienbar sein - ab einer gewissen Komplexität kommt kein Anwender ums Lernen herum. Deutlich wird dies immer wieder bei allegro-Schulungen, bei denen die Fragen häufig über die reine Programmbedienung hinausgehen und z.B. eher auf die Zuordnung von Daten in die richtige Kategorie abzielen.

Günter Hoffmann (Kreisarchiv Otterndorf) konnte durch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eine weit verstreute Photosammlung erschließen. Er berichtet, daß allegro ursprünglich nur zur Erfassung von Akten eingesetzt wurde. Eine einfache Abwandlung des bestehenden Kategorienformats durch ihn hat es jedoch nicht nur ermöglicht, nun die beschreibenden Daten von Photographien in allegro recherchieren zu können, sondern in Zukunft soll dies auf ähnliche Weise auch mit anderen im Archiv befindlichen Objekten geschehen. Die Einbindung von digital erfaßten Bildern in die Datensätze ist vorerst nicht geplant.

Hieran anknüpfend stellt Klaus Bulle (Fabrikmuseum Delmenhorst) seine Planungen zum Einsatz der EDV bei der Inventarisation und Verwaltung von Museumsbeständen vor. Nach dem Vergleich von verschiedenen derzeit angebotenen Software-Systemen und der Überwindung einiger bürokratischer Hürden soll nun mit dem Einsatz von allegro unter dem HANS-Format begonnen werden. Vorbereitend wurde dafür ein Vergleich der Datenfeldkataloge von HANS 95, den Empfehlungen des Deutschen Museumsbundes (1993) und der Arbeitsgruppe "Inventarisieren der Meseumsbestände" des Museumsverbandes für Niedersachsen und Bremen (1994) sowie den Anforderungen des bereits im Fabrikmuseum existierenden Bildarchivs erstellt.

Nach dem vorzüglichen Mittagessen und einem kurzen Rundblick vom leuchtturmähnlichen Rondell des Terramare-Gebäudes eröffnet Thomas Berger (Bonn) die Runde zum Thema allegro & Internet. Er erläutert die Bedeutung und Unterschiede von E-Mail, FTP und HTTP und weist insbesondere auf die Möglichkeit hin, über eine in Bonn eingerichtete E-Mail- Diskussionsliste mit anderen allegro-Nutzern in Informationsaustausch zu treten. Näheres dazu steht u.a. am Schluß der letzten beiden (Nr. 38 und 39) allegro news-Ausgaben dieses Jahres.

Die Beschaffung aktueller allegro-Programme via Internet wird durch das sogenannte File Transfer Protocol (FTP) ermöglicht. Hiermit können sowohl binäre Dateien wie Graphiken oder Programme als auch ASCII-Dateien, z.B. Texte, von entfernten Servern auf den eigenen Rechner geladen werden. Die Demonstration in der Praxis durch Sibet Riexinger scheitert an der Telekom, da die Anbindung der örtlichen Fachhochschule und damit Terramares an das Wissenschaftsnetz (WIN) an diesem Tag unterbrochen ist.

Dierk Höppner (Allegro-Arbeitsgruppe der Universitätsbibliothek der TU Braunschweig) umschifft diese Hindernisse, indem er die Verfügbarkeit von allegro-Katalogen im WWW nur simuliert. Die Hypertextfunktionalität des WWW reduziert die Benutzung der Tastatur auf die reine Suchtexteingabe, alles andere wird per Mausklick auf die angebotenen Verknüpfungsfelder erledigt. Die Präsentation auf dem eigenen Rechner ist nicht nur fürs Auge eine Freude, sondern auch dann noch, wenn die Telephonrechnung kommt. Denkbar wäre diese Version also auch für den Einsatz im lokal begrenzten Betrieb. Letztlich übrigens versteckt sich hinter dieser Darbietungsform keine andere Technik als die, die der zu Beginn der Tagung von Heinrich Allers präsentierten Oberfläche für die allegro-Abfrage zugrundeliegt. Wenn man jedoch berücksichtigt, daß all dies mit Abstrichen an dem ursprünglich reichen Recherchekomfort allegros einhergeht, stellt sich die Frage: brauche und will ich das denn überhaupt?

Als weiterer Hauptpunkt der Tagung stehen schließlich Multimedia-Anwendungen und allegro auf dem Programm. Als ein Ergebnis des 1. Treffens der Arbeitsgemeinschaft allegro-Nordwest vor einem Jahr wurde von der Braunschweiger Entwicklungsabteilung die Möglichkeit geschaffen, aus prestog oder apacg heraus jedes beliebige andere Programm aufrufen zu können, um nach dessen Abschluß wieder am Ursprungsort zu landen. Sibet Riexinger (Terramare) demonstriert damit möglich werdende Anwendungen. "Wie die Zapfwelle beim Traktor" (Originalton Riexinger) den Anschluß so unterschiedlicher Geräte wie Heuwender oder Vertikutierer ermöglicht, so läßt sich nun in der Titelanzeige von allegro mittels der Tastenkombination <Alt+G> z.B. das eingescannte Original einer Handschrift anzeigen, die "Kunst der Fuge" etwa, und anschließend das Ganze noch akustisch wiedergeben. Es lassen sich Graphik- und Textdateien, andere allegro-Dateien, Spiele, digital gespeicherte Videofilme, usw. in Titel- oder Stammsätze einbinden; nur die Hardware setzt hier Grenzen. Einziges Manko: da DOS keine Fenstertechnik im engeren Sinn ermöglicht, geht immer nur eines: entweder den allegro- Bildschirm oder den des aufgerufenen Sekundärprogramms anzuzeigen. Windows NT soll hier mit seinem DOS-Fenster jedoch eine Ausnahme bilden.

Eine weitere Variante dieser Neuerung präsentiert Harald Weigel (Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg) anhand der Einbindung elektronischer Bücher. Es gibt diese mittlerweile in einer äußerst komprimierten Form, entwickelt u.a. von dem Programmierer Gawain MacMillan (Fallingbostel). Es ließen sich also in Zukunft der Titelsatz eines katalogisierten Buches und dessen digitalisierte Form in einer Datenbank verknüpfen und so in Gänze vom Rechner aus zugänglich machen.

Um diesen Punkt abzuschließen, möchte Dierk Höppner noch seine Entwicklung eines allegro-OPAC unter Windows vorstellen. Doch leider will sich das entsprechende Fenster nicht öffnen, sonst hätten wir heute bereits die dritte Variante von allegro, ohne daß man's merkt erleben können (Teichoskopie oder Botenbericht heißt das im Theater, wenn uns erzählt wird, was aus technischen Gründen auf der Bühne nicht darstellbar ist).

Anmerkung des Protokollanten: allegro-Anwender scheinen ein etwas gespaltenes Verhältnis zu ihrem Programm zu haben - einerseits wird immer wieder der praktische Nutzen und die karge Schönheit der DOS-Version betont, andererseits immer öfter nach einem Lifting verlangt. Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust ...

Zum Abschluß bleibt nur noch wenig Zeit, um den Bedarf an allegro-Schulungen zu diskutieren. Zwei Dinge scheinen wichtig zu sein: generelle Einführungen für Neulinge und spezielle Workshops zu Detailproblemen. Ungeklärt ist noch, wie dies finanziert werden könnte. Wo es möglich war, hat bisher auch die "Nachbarschaftshilfe" gut funktioniert - diese zu fördern ist ein Aspekt der Arbeitstreffen.

Zum selben Punkt, aber auch um insgesamt die Koordination innerhalb der allegro- Arbeitsgemeinschaft verbessern zu können, verteilt Monika Steffens einen Fragebogen zur internen Information über konkrete Anwendungen in den Einrichtungen und zum Ausloten des persönlichen allegro-Entwicklungs- und -Schulungsbedarfs.

Das 3. Treffen der Arbeitsgemeinschaft allegro-Nordwest findet wieder in einem Jahr statt. Gastgeberin wird Ina Donner in Stade sein. (Inzwischen steht auch der Termin fest: Donnerstag, 24.10.1996).

Protokoll:
Einleitung und Teil II: Klaus Bulle; Teil I (Allegro in Öffentl. Bibl.): Jochen Dudeck
Endredaktion: Monika Steffens und Heinrich Allers / 5.12.1995