Grundsätze der Anglo-American Cataloguing Rules

Übersetzung eines Papiers, das zu einer neuen Einleitung der AACR führen soll.

Im Jahre 1997 fand in Toronto eine Konferenz über die Zukunft der Anglo-American Cataloguing Rules statt. Eines der Themen waren die Grundsätze oder Prinzipien, auf denen die Regeln beruhen. Man stellte fest, daß bisher diese Grundsätze nicht explizit im Regelwerk dargelegt waren. Eine Arbeitsgruppe wurde beauftragt, eine neue Einleitung zu erarbeiten, in der die Grundsätze vorzustellen wären.

In den RAK gibt es zwar den Paragraphen 101, der ganz knapp die Ziele des Formalkatalogs angibt, und zwar beruhend auf den Formulierungen der Konferenz von Paris 1961. Doch auch die RAK könnten profitieren von einer ausführlicheren, möglichst allgemein verständlichen Einleitung, die die theoretischen Grundsätze und die Ziele vermittelt, die mit den Regeln verfolgt werden. Angesichts des Alters der hergebrachten Grundsätze und der Möglichkeiten heutiger Software und Technologie liegt es nahe, daß hier ein Handlungs-, aber zunächst einiger Diskussionsbedarf besteht. Dazu kann als Anregung sicherlich das Papier dienen, das inzwischen zu den AACR erarbeitet wurde und um das es hier geht.

Sollte sich aber erweisen, und die Anzeichen dafür mehren sich in der jüngsten Zeit, daß der Trend weg von RAK und hin zu AACR geht, so ist es erst recht wichtig, sich mit solcherlei Ansätzen zu befassen.

Barbara Tillett, die der genannten Arbeitsgruppe das nachfolgend übersetzte Diskussionspapier vorgelegt hat, gehört zu den führenden Persönlichkeiten, die an der Revision der AACR beteiligt sind.
Grundlage für wichtige Teile des Papiers ist ein im Vorjahr erschienenes Buch der bekannten Katalogtheoretikerin Elaine Svenonius (UCLA) [4].

Dieses Papier ist zwar schon zugänglich, aber noch vorläufig und nicht für eine breite Veröffentlichung freigegeben, weil es noch ausführlich diskutiert werden soll. Damit wir dieser wichtigen Diskussion folgen können, schien es mir hilfreich, eine Übersetzung zu versuchen. Barbara Tillett ist damit einverstanden, daß es hier in den interessierten Kreisen zugänglich gemacht wird. Monika Münnich und Hans Popst haben bereits an dieser Fassung mitgewirkt. Es hat sich im AACR-Übersetzungsprojekt gezeigt, daß es doch recht schwierig sein kann, sinngemäß richtige und zugleich unserem Sprachgebrauch entsprechende Formulierungen zu finden, denn die Fachbegriffe und damit auch Denkgewohnheiten sind oftmals nicht deckungsgleich. Es mag also sein, daß hier und da Unklarheiten bestehen und Verbesserungen notwendig sind. Diesbezügliche Hinweise sind sehr willkommen.

An einigen Stellen habe ich erläuternde Zusätze in eckigen Klammern eingefügt, und zwar in blauer Farbe, damit sie auf keinen Fall als Teil des Originaltextes mißverstanden werden. An vielen Stellen ist der jeweilige englische Ausdruck in runden Klammern und kursiv mit angegeben, damit der Leser sich über die Angemessenheit der Übersetzung Gedanken machen kann.

B. Eversberg, 16.10.2001


Barbara B. Tillett (Library of Congress)

Principles of AACR

8.5.2001










Dieses Diskussionspapier, erstellt im Auftrag des Joint Steering Committee for Revision of AACR (JSC), soll die Grundsätze der AACR für eine neu zu schreibende Einleitung umreißen. Bevor ein Ergebnis in das Regelwerk einfließen kann, empfehle ich eine gründliche Diskussion dieser Vorschläge in den Mitgliedsorganisationen des JSC.

Die Anglo-American Cataloguing Rules entwickelten sich über einen längeren Zeitraum aus den Praktiken der Bibliotheken, die die Regeln zuerst aufzeichneten und anwendeten. Regelwerke spiegeln die Technologie, die zur Erstellung des Katalogs verfügbar ist, und sie spiegeln auch die Materialarten, die gesammelt und verwaltet werden. In jüngster Zeit haben sich sowohl die Technologie wie auch die Zusammensetzung der Materialien, mit denen man in Bibliotheken umgeht, dramatisch gewandelt. Online-Kataloge und Integration in Internet-Umgebungen sind nun die Norm, jedoch unsere Regeln und die Praktiken ihrer Anwendung gründen sich noch auf die Erfordernisse des Zettelkatalogs. Wir haben eine Tradition der Erschließung von Texten, Karten, Musikalien und elektronischen Ressourcen, jetzt aber sind wir immer mehr konfrontiert mit digitalisierten Inhalten, E-Büchern, multimedialen Materialien und Ressourcen im WWW, und weitere Formen der Verpackung von Inhalten werden sich zweifellos noch entwickeln.

Die Regeln haben bibliographische Beziehungen oftmals verborgen, doch unsere neuen Technologien erleichtern immer mehr das Navigieren im bibliographischen Universum - wenn wir nur durch die bibliographische Kontrolle die nötige Orientierung schaffen und geeignete Wegweiser aufstellen.
[Barbara Tillett hat sich in ihrer Dissertation mit "bibliographic relationships" beschäftigt, wozu auch die Beziehung des Teils zum Ganzen gehört. Wie wir wissen, sind gerade die "mehrbändigen Werke" ein Stiefkind der AACR. Ob es hierbei zu Verbesserungen kommen wird, bleibt offen.]

Die Regeln haben auch die Normdaten eher vernachlässigt, doch solche Daten werden immer wichtiger, um die Ziele der bibliographischen Kontrolle zu realisieren, insbesondere um den individuellen Bedarf des Lesers abzudecken und zugleich die Zugriffsqualität hinsichtlich Präzision und Ergiebigkeit zu verbessern.

Die JSC-Konferenz 1997 stellte fest, dass eine Neuorientierung der AACR überfällig ist, um sie an die gewandelten Umweltbedingungen anzupassen, um die Vorteile neuer Technologie insbesondere des Internet nutzen zu können, um das konzeptionelle Modell der von der IFLA formulierten Functional Requirements for Bibliographic Records (FRBR) zugrunde zu legen, und damit schließlich Normdaten und bibliographische Beziehungen ihre Wirkung optimal entfalten können. Wir hoffen, dass so die AACR der Zukunft umso besser nützen werden, wenn sich weitere Materialtypen und Technologien entwickeln.

Katalogisierungsregeln folgen seit langem einigen Grundsätzen. Diese gingen hervor aus den Arbeiten von Panizzi, Cutter, Lubetzky und Ranganathan. (Wenn wir die neue Einleitung des Regelwerks schreiben, muß darin unsere Wertschätzung dieser grundlegenden Werke zum Ausdruck kommen.) Bisher jedoch wurden diese so wichtigen Prinzipien nie ausdrücklich in den Regeln dargelegt, sondern sie finden sich in der Fachliteratur und werden durch die praktische Arbeit verstanden. Zu unserem Glück erschien ein Buch von Elaine Svenonius:

Elaine Svenonius: The Intellectual Foundation of Information Organization.
Cambridge, Mass.: MIT Press, 2000
Sie untersucht die Prinzipien philosophisch und akademisch und gibt damit der JSC-Diskussion eine hervorragende Struktur vor. Besonders zu empfehlen sind ihre Erklärungen zu den Unterschieden zwischen Grundsätzen (principles), Zielen (objectives) und Regeln (rules). Im Kapitel 5, "Grundsätze der Beschreibung", macht Svenonius klar, daß Grundsätze "Richtlinien für den Entwurf von Regeln" darstellen, Ziele sind jedoch das, was die Regeln erreichen oder ermöglichen sollen.

Was ich im folgenden zusammengestellt habe, sind die Grundsätze für den Regelentwurf, und ich empfehle, diese in die neue Einleitung zu den AACR einzubringen.

Nebenbei: Der Terminus "Namen" umfaßt auch die Namen von Werken, also Titel, nicht nur die Namen von Personen, Körperschaften, Konferenzen und Gebietskörperschaften. (Im folgenden werde ich Svenonius zitieren und teilweise umschreiben.)
 

GRUNDSÄTZE

Allgemeine Entwurfsgrundsätze

  1. Unvoreingenommenheit : Jede Entwurfsentscheidung muß für sich vertretbar und nicht willkürlich sein (Beruhend auf Leibniz[1] und dem Gesetz der Unparteilichkeit (impartiality) von Ranganathan [2])
  2. Geringster Aufwand : Wenn es zur Erreichung eines Entwurfsziels Alternativen gibt, ist diejenige zu wählen, die aufs Ganze gesehen den geringsten Aufwand zur Folge hat. (nach Ranganathan[3])
Grundsätze der bibliographischen Beschreibung und des Zugriffs

(den Ausführungen von Svenonius[4] folgend)

Hier kann man eigentlich aufhören!
Ich empfehle jedoch, in unserer geplanten Einleitung auch auf die Objekte einzugehen, mit denen wir umgehen, sowie auf die Ziele unserer Systeme zur bibliographischen Kontrolle.
 

ENTITÄTEN (Entities)

[Für den Terminus "Entities" gibt es keine allgemein geläufige Entsprechung. "Entitäten" ist eher ein philosophisches Fachwort und gehört weit weniger zur Umgangssprache als "entities" im Englischen. Was jedoch gemeint ist, das wird durch den abstrakten Terminus "Objekte", wie die Informatik ihn verwendet, hinreichend genau bezeichnet. Darunter fallen dann jedoch auch Entitäten, die gemeinhin als "Subjekte" begriffen werden, wie Personen und Körperschaften. Daher wird in dieser Übersetzung "Entitäten" gesagt, zumal es sich im Kreis der RAK-Reforminteressierten schon eingebürgert hat. (Nebenbei gesagt, hat "subjects" eine ganz andere Bedeutung als "Subjekte", jedenfalls im hier behandelten Zusammenhang.) Eine Entität ist, grob gesagt, jedes abstrakte oder konkrete Gebilde oder Individuum, für welches ein eigener Datensatz in einem Katalogsystem angelegt werden kann. Die weitaus meisten Entitäten, um die es geht und nach denen Endnutzer suchen, sind irgendwelche Formen von Dokumenten. Deshalb wäre "Objekt" eine günstigere Wortwahl, wenn man überlegt, wie man Endnutzern den Katalog erklären soll: dafür bietet sich "Entität" wohl gerade nicht besonders an...]

Die FRBR beschäftigen sich mit drei Arten von bibliographischen Entitäten:

1. Entitäten, die "das Ergebnis intellektueller oder künstlerischer Bemühungen" sind (FRBR S. 12). In Entwurfspapieren für die AACR haben wir in letzter Zeit den Begriff "Ressourcen" für einige dieser Objekte verwendet:
 

[Es wird derzeit noch überlegt, wie man diese Entitäten in AACR integrieren und wie man sie katalogtechnisch behandeln sollte. Für viele Werke produktiver Verfasser gibt es Normsätze in den Name Authorities, und für Exemplare gibt es meistens eigene Sätze in den Ausleihsystemen. Eine 1:1-Beziehung zwischen FRBR-Entitäten und Datensätzen wäre das Konsequente, ist aber derzeit nicht abzusehen.]

2. "Entitäten, die für den intellektuellen oder künstlerischen Inhalt, die Herstellung und Verbreitung oder für die Betreuung solcher Produkte verantwortlich sind" (FRBR S. 12). Im Dublin-Core-Sprachgebrauch gibt es dafür auch den Terminus "Agenten" (agents). [Im deutschen Sprachgebrauch hat sich das Wort "Beteiligte" dafür bereits verbreitet, der Personen und Körperschaften umfasst.]

Personen
Körperschaften

Die AACR behandeln bisher auch Veranstaltungen und Ortskörperschaften (jurisdictional places) als "Verfasser" der offiziellen Dokumente, die von den betreffenden Kongressen und Körperschaften ausgehen. Ist das wirklich sinnvoll?

[Ein deutscher Sammelbegriff für die inhaltliche Verantwortlichkeit hat sich noch nicht gefunden. Für "Creator" oder "Agent" haben wir keine guten, allgemein geläufigen Entsprechungen. Dieser Mangel wird immer dann offenbar, wenn in einer OPAC-Anzeige z.B. ein Komponist als "Autor" erscheint. Der GBV läßt als Ausweg die Bezeichnung "Beteiligt:" vor den Namen der Personen und Körperschaften erscheinen, ein griffiges Substantiv aber fehlt. "Beteiligte" bzw. "Verantwortliche" scheinen momentan am besten geeignet.]

3. Entitäten, die "als Gegenstände (subjects) der intellektuellen oder künstlerischen Bemühungen gelten können" (FRBR S. 12):

Konzepte
Gegenstände
Veranstaltungen/Ereignisse  [Hier meint das englische "Events" wohl mehr als unter 2., wo nur Veranstaltungen als "Beteiligte" gelten können. Als Thema einer Veröffentlichung kann dagegen sehr wohl auch ein Ereignis auftreten.]
Orte

Man muß daran erinnern, daß auch

Ressourcen (Werke, Ausprägungen, Ausgaben, Exemplare) und
Agenten (Personen, Körperschaften) zum Gegenstand intellektueller oder künstlerischer Bemühungen werden können.

Diese eigentlich in den Bereich der Sacherschließung gehörenden Dinge sind hier aufgeführt, weil die AACR auch Regeln für die Beschreibung und Ansetzung einiger dieser Entitäten umfassen.

ZIELE

Die FRBR benennen Ziele (objectives) im Hinblick darauf, dem Nutzer beim Finden, Identifizieren, Auswählen und Erhalten (find, identify, select, obtain) zu helfen.

Svenonius erstellte eine aktualisierte, erweiterte und noch klarer formulierte Liste von "Zielen eines vollwertigen bibliographischen Systems" (auf S. 15-17 stellt sie die FRBR in die historische Perspektive der von Cutter und später Lubetzky formulierten Zielen, wie sie sich auch im "Statement of Principles" der Pariser Konferenz von 1961 niedergeschlagen haben). Es folgt hier eine weiter ergänzte und modifizierte Fassung der Liste von Svenonius:

[Was folgt, könnte auch als Erweiterung des RAK-Par. 101 vorgeschlagen werden]

Ziele für Systeme zur Informationsverwaltung (Information organization)

Nutzern des Systems soll es ermöglicht werden

1. Ressourcen in einem Datensystem aufzufinden als Ergebnis einer Suche mittels geeigneter Eigenschaften (attributes) oder Beziehungen (relationships) : [Dabei gibt es drei Aspekte:]
 

1a. Eine einzelne Ressource zu finden
[Bekannt ist hierfür auch der Terminus "known item search". Hier wäre es wohl günstig, die Elemente genauer zu spezifizieren, mit denen die Suche möglich sein sollte. Anders als im Zettelkatalog sind es nicht nur die Ansetzungen von genau definierten Haupt- und Nebeneintragungen, die dem "known item search" dienen können, sondern auch Stichwörter, Verlagsnamen, IdNummern u.a. Die Ansetzungen bleiben für ein sicheres und schnelles Finden und Identifizieren gleichwohl wichtig.]


1b. Ressourcen zu lokalisieren , und zwar  [im Sinne einer Gewinnung von Ergebnismengen]

 
Alle zum selben Werk gehörigen Ressourcen [Ausprägungen]

Alle zur selben Ausprägung gehörigen Ressourcen  [Ausgaben]

Alle zur selben Ausgabe gehörigen Ressourcen [Bestandteile, Exemplare]

Alle Ressourcen, die ein bestimmter Erzeuger intellektueller oder künstlerischer Inhalte geschaffen hat (wollen wir hier "Agent" sagen, um dieses Ziel zu erweitern? AACR geht schon hier und da ein paar Schritte in diese Richtung, also über den klassischen Verfasserbegriff hinaus)

Alle Ressourcen zu einem bestimmten Thema  (subject[das war schon zu Cutters Zeit und ist noch immer illusorisch]

Alle durch "andere" Eigenschaften charakterisierte Ressourcen (wie z.B. Sprache, Erscheinungsland, Erscheinungsjahr, Physisches Format, etc.


1c. Bibliographische Beziehungen zu erkunden (d.h. Ressourcen zu finden, die in bibliographischen Beziehungen zu einer gegebenen Ressource stehen)  [hierfür bräuchte man viel mehr Verknüpfungen als heute üblich sind]

2. Eine Ressource oder einen Agenten zu identifizieren (d.h. festzustellen, daß das in einem Datensatz beschriebene Objekt dem entspricht, was gesucht wurde, oder zu unterscheiden zwischen zwei oder mehr Objekten mit ähnlichen Eigenschaften) [Damit man beim Vergleichen nicht immer die vollständigen Datensätze nebeneinander betrachten muß, ist es wichtig, eine definierte Kurzform zu haben, in der eine Ergebnismenge angezeigt wird. Hier kämen dann, um schon in der Kurzform Identität erkennen zu können, eine "normierte Werkbezeichnung" (früher ungenau "Haupteintragung") und der Einheitstitel ins Spiel.]

3. Eine Ausgabe oder ein Exemplar auszuwählen, das den Anforderungen des Nutzers am besten entspricht (vor allem hinsichtlich des Dateiformats oder physischen Formats), d.h. es muß auch erkennbar sein, ob es den Nutzererwartungen nicht entspricht.

4. Zugang zu dem ausgewählten Exemplar zu erhalten (durch Kauf, Ausleihe, Fernbestellung oder Online-Zugriff)

5. In einer bibliographischen Datenbank zu navigieren (durch logische Anordnung der bibliographischen Daten und durch klare Präsentation von vorhandenen Verknüpfungen zwischen Daten)

Es muß erwähnt werden, daß Katalogisierer die folgenden Aufgaben zu erledigen haben, um die beschriebenen Anforderungen zu erfüllen und den Katalog konsistent zu halten:

Es ist auch zu beachten, daß in heutigen integrierten Bibliothekssystemen der Online-Katalog mehr als nur ein Nebenprodukt der Online-Katalogisierung ist. Fattahi [6] hat erwähnt, daß andere Funktionen [die früher mit Katalogen nichts zu tun hatten] in Online-Kataloge einbezogen werden können, daß man Zugriffe über das Netz auf andere Kataloge und bibliographische Ressourcen ermöglichen kann, daß virtuelle Exemplare von Ressourcen angeboten werden können, sowie erweiterte Zugriffe, simultanes Retrieval, und erweiterte Anzeigefunktionen.
 

Bemerkungen zu den Grundsätzen für Zugriffsfunktionen

Die oben aufgeführten Grundsätze gelten für Beschreibung und Ansetzungen, wie angegeben. Svenonius behandelt auch Sachzugriffe in ihrem Buch und in früheren Werken, wozu auch ihre Arbeit für die IFLA zu deren "Gundsätzen für Schlagwortansetzungen" gehört (Principles underlying Subject Heading Languages). Dies liegt außerhalb des Geltungsbereichs der AACR. Sie spricht von "Arbeitssprache" (work languages) für die Wörter und Strukturen, die wir für Zugriffselemente verwenden - man könnte es auch "Zugriffssprache" nennen, doch im Informatikvokabular bezieht sich "Zugriff" mehr auf den Aspekt der Berechtigungen. [Gemeint ist wohl die Gesamtheit aus Vokabular und formalen, einschl. orthographischen und grammatischen, Regeln für das Formulieren von Zugriffselementen.] Wie auch immer, Svenonius meint unter "Zugriffssprache" eine Arbeitssprache, die "Namensattribute" enthält; diesen Begriff schreibt sie Sumner Spalding zu. Sie erläutert: "Namensattribute ... benennen Werke und ihre Schöpfer, seien es Autoren oder Körperschaften" (S. 87).

Svenonius schreibt (S. 88): "Herkömmliche 'Arbeitssprachen' verwenden zwei Arten von Ausdrücken als Attribute:
(1) vorlagengetreue Angaben und
(2) angesetzte (assigned) Angaben.
Die ersteren arbeiten mit unkontrolliertem, die letzteren mit kontrolliertem Vokabular. Die ersteren stellen die Genauigkeit der Beschreibung sicher, indem sie die dem Dokument eigene Sprache aufgreifen. Die letzteren sind Konstrukte in einer künstlichen Sprache; ihr Zweck ist, das Vokabular des Nutzers auf ein standardisiertes Vokabular abzubilden und auf diese Weise Zusammengehöriges zusammenzuführen. Dieses normierte oder kontrollierte Vokabular besteht aus normierten Ausdrücken für die bibliographische Suche, darunter Namen von Personen und Körperschaften sowie Titel. (Anmerkung: Eine Sonderform bilden Identnummern zur Verknüpfung mit Normdaten-Stammsätzen.)

Auch Namensangaben folgen also den besagten Grundsätzen bibliographischer Sprache. Hierzu führt Svenonius aus (S. 89):

Die Auswahl eines allgemein gebräuchlichen Namens sollte auf eine regelgerechte (authorized) Form normiert werden. Der Name, unter dem eine Person oder Körperschaft allgemein bekannt ist, ergibt sich aus der Form des Namens, die in Publikationen erscheint. Wenn der Name so nicht bestimmt werden kann, wird auf die Form zurückgegriffen, die in Nachschlagewerken auftritt. Versagen diese, ist die jüngste vorgefundene Form zu benutzen. Svenonius merkt an, daß dieser letzte Schritt häufig der Suche in Nachschlagewerken vorgezogen wird, dem Prinzip des geringsten Aufwands folgend.

Körperschaftsnamen bestimmen sich analog aus den Namen, die man in den von der Körperschaft herausgegeben Publikationen in ihrer eigenen Sprache findet, im Negativfall ist hier gleichfalls auf Nachschlagewerke zurückzugreifen. Treten in den Publikationen unterschiedliche Formen auf, müssen besondere Regeln herangezogen werden, um sich an einen "allgemein gebräuchlichen" Namen anzunähern.

Was Titel betrifft, so bemerkt Svenonius, daß die AACR zwar theoretisch eine Normierung erfordern, aber keine Regeln enthalten, die dies zwingend vorschreiben. [Für die Schreibweise von Titeln haben die RAK ausführliche Regeln in den §§ 201ff. Nachdem man in den ersten OPACs gemerkt hatte, daß auch Wörter in Titelzusätzen für das Finden und Identifizieren wichtig sein können, wurde die Anwendung der Abkürzungsregel §125 für Zusätze aufgegeben. Die AACR haben keine Entsprechung zu RAK 201ff, aber sie hatten von vornherein die Regel der strengen Vorlagefassung (1.1B1), es wurden keine Abkürzungen in Titelfeldern einschl. der Beteiligtenangabe vorgenommen (App.B.4A), und es gibt ohnehin keine so weitgehende Abkürzungsregel wie RAK §125.]
Im Falle von Einheitstiteln wird jedoch das Prinzip der allgemeinen Gebräuchlichkeit angewendet, und zwar in diesem Fall zu verstehen als der "originalsprachliche Titel, unter dem das Werk durch Veröffentlichung oder durch Nachschlagewerke bekannt geworden ist" (S.90). Problematisch ist dies für Nutzer, die mit der Originalsprache nicht vertraut sind und die nach einer allgemein bekannten Titelvariante in ihrer eigenen Sprache suchen. Man denke an Beispiele wie Tschaikovskis "Sleeping Beauty", die man unter "Spiashchaia Krasavitsa" findet - als Resultat eines Kompromisses, der früher einmal im Interesse einer global verstandenen Universellen Bibliographischen Kontrolle (UBC) geschlossen wurde.

Es ist zu erwähnen, daß die IFLA eine neue Sichtweise der UBC entwickelt, die den Nutzen der allgemeinen Gebräuchlichkeit anerkennt und so das Nutzerinteresse über die globale Standardisierung stellt. Wir sollten daher wohl auch in den normierten Formen, die die AACR vorschreiben, uns noch mehr an der allgemeinen Gebräuchlichkeit orientieren.

[Setzt sich dies durch, wird die Austauschbarkeit darunter leiden, d.h. der Nutzeffekt einer Übernahme der AACR vermindert. Es sei denn, wir ringen uns durch, englische Einheitstitel anderssprachigen vorzuziehen...]

Svenonius erinnert noch an andere Grundsätze für den Zugriff:

Diese Grundsätze führen zur Schaffung eindeutiger Kennungen (identifier) für jede Entität, das für den Zugriff normiert werden soll. Diese Kennungen fördern die Ziele der Informationsverwaltung. Brauchen wir aber immer noch solche Grundsätze für den Zugriff, wenn man die Möglichkeiten heutiger Technologie und Software bedenkt? Denn hat man alle unterschiedlichen Formen erfaßt, die für den Namen eines Objekts vorkommen, kann man über jede der Formen in gleicher Weise zugreifen. Wir wissen jedoch, daß es auch wichtig ist, eine Standardform für die Anzeige zu haben, wenn der Nutzer nicht an diesen Aspekten interessiert ist oder die Existenz der verschiedenen Formen in dem betreffenden Zusammenhang (z.B. bei der Kurzanzeige einer Ergebnisliste) nicht wichtig ist.

Für die Gegenwart, so meine ich, sollten diese Grundsätze nützlich sein, man sollte sie aber spätestens dann neu bedenken, wenn die internationale Vernetzung es möglich macht, virtuelle internationale Normdateien zu etablieren. Dann sollte es dem Nutzer möglich werden, eine Vorzugsform der Anzeige zu wählen (oder das lokale Bibliothekssystem sollte eine Standardform automatisch wählen können).

Anmerkungen d. Übers.:


Literatur
 

1. Leibniz, G.W. (1951). “Towards a Universal Characteristic.” Reprinted in Leibniz Selections, edited by P.P.Wiener, p. 1-25. New York: Scribner. First published in 1677.
2. Ranganathan, S.R. (1964). Classified Catalogue Code. Edition 5, p. 61. London: Asia Publishing House. First published 1934.
3. Ranganathan, S.R. (1964). p. 63.
4. Svenonius, E. (2000). The Intellectual Foundation of Information Organization. Cambridge, Mass. : MIT Press, p. 68.
5. Fattahi Rahmatollah. The Relevance of Cataloguing Principles in the Online Environment: an Historical and Analytical Study. Ph.D. dissertation. Sidney, New South Wales: School for Information, Library, and Archive Studies, University of New South Wales 1997. Available online from http://wilma.silas.unsw.edu.au/students/rfattahi/thes1.htm
6. Fattahi, Rahmatollah. “AACR2 and Catalogue Production Technology : Relevance of Cataloguing Principles to the Online Environment.” In: The Principles and Future of AACR: Proceedings of the International Conference on the Principles and Future Development of AACR, Toronto, Ontario, Canada, October 23-25, 1997. Ottawa : Canadian Library Association; Chicago: American Library Association, 1998, p.18-19.