Hinweis: Wichtiger als der Text selbst ist der Kommentar!

Es ist getestet worden, welche Fehler der "Duden Korrektor" findet und welche nicht. Lesen Sie den Testbericht.


Stilllegung einer Kulturleistung

oder:

Nun mal halb lang?

 

Im Pfuhlgau ist, wie außen Stehende überein stimmend fest stellen, der Hund verfroren. Der Hauptort Pfuhlsleben ist unter Konnässören wohl bekannt für sein Renässans-Schlachthaus, dass war’s denn aber auch schon, und sogar dieses ist nicht mehr selbstständig und wird bald still gelegt. Und nun kommen zur unzufrieden stellenden Infrastruktur und zur unerträglichen Schnell-Lebigkeit des Daseins auch noch das Osteuropa-Billigfleisch und die Klimagräuel (höchst Furcht erregende Messergebnisse, nur messerscharf unter der Roten Linie!), und was zu viel ist ist zuviel - die betroffenen machten jetzt ihrem Misssmut Laut stark Luft.

Hunderte Hände ringend Rat suchende Bewohner des schwach bevölkerten Landstrichs - Augen zwinkernd nur noch der GAU genannt - wollten gestern Abend ihren viel versprechenden Europaabgeordneten Voigt-Geßler persönlich kennen lernen (besser gesagt, er sollte sie ein Mal richtig kennenlernen!), um ihm schwer wiegende, nein schwerst wiegende Vorhaltungen wegen seiner vermeindlichen Taten- und sonstigen -losigkeiten zu machen. Nur ein  Paar schwer behinderte Angehörige waren zurück geblieben und verfolgten zu Hause die Heimsuchung des wohl bekannten Politikers auf ihren billigen, schwach auflösenden Schwarz-Weiß-Monitoren.

Sie hatten den lang bewährten, alt bekannten Gewerkschaftler Wim Tell zum Sprecher gemacht. Der 80-Jährige war zwar unter dessen seiner hünenhaften Gestalt verlustiggegangen, an sonsten aber, wie er da so bitter böse seine Stackato-Sätze in’s Megafon bellte, noch ganz der Alte.

Voigt-Geßler, eine hoch gestellte und wohl situierte Persönlichkeit, gleich wohl die Midlifecrisis in höchst eigener Person, hörte sich Besorgnis voll drein blickend die Klagen über vielerlei Miss-Stände im Wahlkreis an, nicht ohne hin und wider eine dunkel-dräuende Augenbraue zu heben und "Nun mal halb lang!" zu murmeln, wenn ihm ein Anwurf zu herbei gesucht vor kam. Was natürlich die nicht Halb-, sondern Ganztagsarbeitslosen keines Wegs beeindruckte. Das er mit Seinesgleichen in den Hauptstädten im trüben fische, während man hier im GAU auf dem trockenen sitze, dass mochte er bei Leibe nicht hin nehmen. Ob man denn noch einen Beweiß brauche, fauchte er giftigen Blick’s, wieviel die Öffentlichen Hände aufzuwänden hätten für die Begrenzung des CO2-Ausstosses, und wie man wahlkreisweit führend sei in der Erkenntniss der globalen Gesamtzusammenhänge. Auf solcherlei wohl feiler Wahlkampfmunizion musste er freilich sitzen bleiben, denn Tell platzierte behände seine Pfeil geschwinden Sticheleien in die Sprechblasen des Abgeordneten, das die nur so auseinander platzten. "Gestatten Sie, dass wir über dumm-dreißte Anbiederungen kommentarlos hinweg gehen", würgte er kalt lächelnd einen stock-konservativen Beschwichtigungsversuch ab. Doch wie Recht die GAUgenossInnen auch haben mochten, V.-G. dachte nichts desto trotz selbst redend nicht im entferntesten daran seinen Hut zu nehmen. Stattdessen versicherte er nur, dass er sich auch ferner hin, mit der roen Kraft seines ganzen Schwer-Gewichts, stark machen und ein bringen wolle für die Anliegen des Reform gebeutelten Kleinen Mannes und im Besonderen der allein Stehenden, früh verrenteten Kinder-Reichen.

Weitest gehend unverrichteterdinge zog das Häuflein der Aufgebrachten von Dannen. Wohl waren manche Hoffnungen zu Nichte zerstoben, das Mütchen aber immerhin gekühlt und die rauen Kehlen auch, weil man am "Sündenpfuhl" nicht vorbei ging, ohne da selbst mir-nichts-dir-nichts eine Boden Ständige, wenn gleich Mittel verzehrende Wirtschafts-Förderung zu betreiben. Den neuen Irishpub "Sinners' Pool" gegenüber, möglicher Weise ja auch so ein Ausfluß der Globalisierung mit ihren Rohheiten und Rauigkeiten, lies man schlussendlich Links liegen.

 



Was soll dieser Text? 

Er soll etwas klarmachen. Oder klar machen?


Aber zuerst: Es geht hier nicht um den Untergang des Abendlandes, sondern nur um eine gedankenlose außer Kraftsetzung (oder wie schreibt man das jetzt?) kultureller Leistungen. Wenn Ihnen das eine Nummer zu klein ist, müssen Sie hier nicht weiterlesen! Natürlich gibt es auch ganz andere Probleme, aber dieses ist nicht entstanden, es wurde ohne Not geschaffen - oder gab es zu der Zeit noch nicht genug andere Probleme?

(Ein anderer Text hilft Ihnen weiter, wenn Sie nur schnell wissen wollen, welche Peinlichkeiten der Reform man leicht vermeiden kann.) 

Zwischen richtig und falsch war bis 1996 nur eine schmale Grauzone. Obwohl es keine alles abdeckenden Regeln gab, hatte die Schreibgemeinschaft in beharrlichem, bürokratiefreiem, basisdemokratischem Konsenshandeln die Grauzone seit 1901 immer schmaler gemacht. Ungeschrieben stand als Grundgesetz immer im Raum, daß alles Geschriebene dem Leser zu dienen hat: dieser will nicht mit Buchstabensequenzen hantieren, sondern sein Wunsch ist ein sicheres, schnelles Erfassen der Aussage. Die Schrift soll auf knappem Raum möglichst viel Sinn übertragen. Die Sache gelang so gut wie konfliktfrei, weil sie 100 Jahre lang in einem machtfreien Raum und ohne ehrgeizige Akteure ablief.

Diese staunenswerte Kulturleistung einer Gemeinschaft vieler Millionen, dokumentiert in Abermillionen von Texten, wird in ihrem Ausmaß erst jetzt so recht bewußt: nach ihrer Zwangsstillegung. Jetzt liegen die Dinge anders, und unser Text wimmelt von Beispielen aller Kategorien: Es gibt zwar immer noch viele völlig richtige Schreibungen und eindeutig falsche, dazwischen aber tummeln sich alt- und neu-richtige bzw. neu- und alt-falsche, wobei die neu-richtigen noch in mehrere Schichten zerfallen: wir kennen jetzt erneut-richtige, aber noch sehr wenige erneut-falsche, jedoch neuerdings-ungute. Und es gibt unter den alt- bzw. neu-richtigen solche, die zwar auch aus der jeweils anderen Sicht noch geduldet aber teilweise stillschweigend für irgendwie geringerwertig (oder geringer wertig?) erachtet werden. Sodann tritt neben neu-richtig (nicht immer, aber immer öfter) noch ein entschlossenes auch-richtig. Dazu kommt ein gelegentliches aber-richtig und ganz neu im "Wahrig" noch ein oder-richtig (etwa bei den hoch- und lang-Wörtern, womit hoffentlich (doch wo steht's?) das nicht-ausschließende 'oder' gemeint ist). Übrigens gibt, leider sehr gravierend, auch Wahrig noch nicht zu, daß Schreibvarianten oft vom Sinn her begründet sind, also eigentlich zwei verschiedene Lexeme vorliegen (kalt stellen / kaltstellen). Man findet nur manchmal die neu herbeigesuchte Phrase "… ist neben der Getrenntschreibung auch die Zusammenschreibung möglich, wenn die Verbindung beider Wörter als Einheit aufgefasst werden soll". Nur ein Spezialfall von "auch-richtig" also! Schlußendlich haben wir die Fälle, wo die Alltagssprache anders schreiben darf als es der Fachsprache gestattet ist, so z.B. oft bei ph und f.

(Silbentrennungen, nebenbei gesagt, bleiben in unserem Beispieltext außer acht. Sie sind eine Geschichte für sich.)

 

Vollkommen unbeachtet ließen die Reformer, und der neue Wahrig ist davon ein neuer Groß-Auswuchs, daß das menschliche Denken sich im Zwiespalt unwohl fühlt und daß es zweitens zu bequemen Analogieschlüssen neigt! Damit kommt es dann einerseits zu Übergeneralisierungen der nur vermeintlich streng logischen Regeln und andererseits zu Fehlschlüssen aus Verunsicherung. Und daraus folgt: neben dem schlichten „falsch“ gibt es diverse, reform-verursachte neue Kategorien von Fehlern auch an Stellen, wo es früher keine gab. Niemand außer hauptamtlichen Orthographen hat die Zeit, und schweigen wir von der Neigung, sich einen hinreichenden Überblick zu verschaffen. Die Fehlerwahrscheinlichkeit ist deshalb heute aus einfachen, mathematisch-statistischen Gründen bedeutend höher als je zuvor. Eine vielzitierte Leipziger Studie hat dies ganz klar belegt am Beispiel der s-Regel, die ja bekanntlich ein muffiger alter Hut aus einer Mottenkiste des 19. Jahrhunderts ist. Der nun aber eine neue Karriere als Geßlerhut der Reformer macht, vor welchem sogar nicht wenige halbaufgeklärte Skeptiker sich immer noch meinen verbeugen zu sollen.

Die Reform sollte mehr Klarheit, Einfachheit und Sicherheit erreichen und damit eine angeblich mangelnde Einheitlichkeit herstellen. Dieses zentrale Anliegen ist ganz offenkundig in allen Punkten gescheitert, der Anspruch wurde nicht eingelöst. Man muß einen sehr engen Tunnelblick entwickeln, um diese Einsicht immer noch auszublenden. Das Kulturgut Schriftsprache muß demjenigen reichlich schnuppe sein, dem angesichts der Zwangsvollstreckung trotz massiven Versagens der Reform nicht endlich der Hut hochgeht. Aber wie es ausschaut, braucht das Fallen dieses Groschens nicht halb, sondern ganz lange.

 

Eine sichere Beherrschung der Orthographie wird nicht durch das Pauken von Regeln erreicht, sondern vorrangig durch beständiges Lesen einheitlicher, fehlerarmer, qualitätvoller Texte. Daher liegt es auf der Hand, daß eine neue Rechtschreibung, egal welche, nicht sicher erlernt werden kann, wenn der Lernende zwangsläufig auf Dauer mit alten und neuen Texten umgehen muß. (Die angeblich „problemlos lernenden“ Schulkinder - durch keine Studie quantifiziert - sind kein Beleg für das Gegenteil: sie lesen noch wenig und der Anteil von Problemfällen ist in Grundschultexten sehr gering.)

Weil aber das en-passant-Lernen aus den gelesenen Texten, früher das Normale, nicht mehr möglich ist, muß nun viel öfter nachgeschlagen werden. Und da leistet der 23. Duden und noch mehr der neue Wahrig Bärendienste: allzuoft muß man, statt rasch die einzig richtige Form zu entnehmen, erst noch zwischen zwei irgendwie richtigen Formen wählen (siehe oben). Aber schlimmer noch, und als Problem noch kaum erkannt: wird man beim nächsten Mal dieselbe Form wählen? Wird man sich in einem ähnlichen Fall anders entscheiden? Oder ist es nun auch nicht mehr wichtig, wenigstens innerhalb eines Textes Konsistenz zu wahren? Wie kann Konsistenz, wie soll guter Stil, wie eine glänzende Leistung in orthographischer Hinsicht jetzt überhaupt aussehen? Dazu sagt die Gebrauchsanweisung des Wörterbuches  nichts. Die Frage "Wie schreibt man das?" ist jedenfalls obsolet, jetzt gilt die Doppelfrage "Wie kann man das schreiben? Und wie noch?".

 

Sie, lieber Leser, fühlen sich auf der sicheren Seite, denn Sie nutzen die Dienste einer Kontrollsoftware? Gut, dann gönnen Sie sich eine Ernüchterung: Wenn Sie jetzt diesen gesamten Text mal per Copy&Paste in Ihr Programm verfrachten und die alte bzw. neue Rechtschreibung (erst 1996er, dann 2004er) einstellen, können Sie sich überzeugen, ob alle Fehler gefunden werden. Oder welche eben nicht, so oder so.

(Wo Sie selber zweifeln, nehmen Sie Duden 23 und Wahrig her, aber beide, damit Sie richtig auf den Geschmack der neuen Vielfalt kommen.)

Die neue Beliebigkeit, das ist die Ernüchterung, und das macht die Hoffnung auf neue Einheitlichkeit vollends zunichte, ist mit keiner Software beherrschbar. Nebenbei macht sie auch ein sinngerechtes automatisches Übersetzen unmöglich (versuchen Sie es mit "viel versprechend" und "vielversprechend" oder mit "hoch stehend" / "hochstehend") und auch ein halbwegs verläßliches Googeln. Aber OK, das sind nur Nebenwirkungen, das waren keine Ziele der Reform.

Vielleicht am schlimmsten und auch noch keineswegs näher untersucht: Die neue Beliebigkeit und die faktische Unmöglichkeit, eine subjektiv zufriedenstellende Sicherheit der Unterscheidung zwischen richtig und falsch zu erreichen (denn die Grauzone wird immer breiter), können den Durchschnitt der Schreibleistungen Heranwachsender nicht heben, sehr wohl aber die Chance mindern, zu souveräner Beherrschung und zu überragenden Leistungen zu gelangen. Auch das jedoch war, soweit ich sehe, kein Ziel der Reform.


 


Bernhard Eversberg, Braunschweig 2005-08-16 / 2007-11-07