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Mit
Rechtschreibung will sich nach dem ganzen unnötigen Hickhack der
letzten 12 Jahre keiner mehr aufhalten, und das ist gut so. Eigentlich
gab es auch 1996 schon Wichtigeres, oder nicht? Dabei geht es
weiß Gott nicht um den Fortbestand des Abendlandes, sondern nur
um den pfleglichen Umgang mit einem Kulturgut, das die Leistung von
Generationen ist: Die Schrift als Verständigungsmittel sollte
nicht unter die Räder von Politik und Verwaltung geraten.
Wenn Sie dem zustimmen, finden Sie hier Klartext und ein paar ganz knappe Tips, wie man die
"danebensten" und peinlichsten Sachen vermeidet, die sich als Folgewirkungen der
Reform so eingeschlichen haben. Die zum Teil aber nie richtig waren und
immer ungut aussehen. Fallen Sie nicht rein auf die
Wichtigtuer, einschließlich Duden, die Ihnen was anderes
erzählen wollen. Die hatten kaum mehr im Sinn als die Auflagen ihrer
Wörterbücher, was denn sonst! Man darf diesen Verschlimmbesserern
ungestraft die Rote
Karte zeigen - warum tun das nur so wenige? Aus Unsicherheit? Aus
Furcht vor dem Rotstift? Das ist unnötig. Soviel brave Folgsamkeit gegenüber
dem gar nicht zuständigen Staat ist ein interessantes Phänomen, wenn man es bedenkt,
aber dem wollen wir hier nicht nachgehen.
Denken Sie immer daran: Die Reform ist kein Gesetz. Keiner kann einem mit dem Rotstift was wollen, jeder darf den
Reformklüngel komplett ignorieren - das hat Karlsruhe schon 1998 bestätigt.
(Ausgenommen, man ist Lehrer oder Schüler. Nur die sind die
Gekniffenen. Ob das verfassungsgemäß ist, sei mal dahingestellt, aber bloß nicht "da hin gestellt".)
Nehmen Sie sich die Freiheit zur Eleganz.
Darum geht es, wenn man gelesen werden will, und sie kostet
nichts, nur ein Quentchen Zivilcourage und geistige Ungezwungenheit.
Aber zur Sache jetzt. Das Komma und den Trennstrich lassen wir ganz außen vor - damit kann
sich keiner mehr auskennen, also kann auch keiner einen Fehler
erkennen. Wer hat denn diese Regeln wirklich mal auch nur durchgelesen und hält sie für lernbar?
Man ist immer auf der sicheren Seite, wenn man so schreibt,
daß man damit eine Chance hat, verstanden zu werden. Wozu
schreibt man denn überhaupt? Wenn Sie Ihren eigenen Text mal zu
lesen versuchen, als hätten sie ihn noch nie gesehen, ergibt
sich vieles von selbst. Die Schrift ist, wie es auch jemand mal gesagt
hat, nicht für den Schreiber da, sondern für den Leser. Und
der hat keine Zeit, der will korrekt verstehen, so schnell es nur geht.
Dabei müssen uns ein paar Pingeligkeiten des alten Duden nicht
kümmern, wie "Rad fahren" und "autofahren" - oder umgekehrt? Es
geht um den verständnishindernden Unfug, nicht um solche wirklich
bedeutungsgleichen Varianten.
-
Furcht erregend - das war und ist immer noch eine gedankenlose Variante, denn wie soll
man das steigern? Noch Furcht erregender, am Furcht erregendsten? Wem das
nichts ausmacht, dem dürfte auch "der
Dienst habende Polizist" nicht komisch vorkommen. Eleganz ist aber was
anderes.
- allein
stehend, viel versprechend, fertig stellen, richtig stellen,
kennen lernen, so
genannt, üblicher Weise, nahe legen, das nächst
Liegende, das nahe Liegendste; es war ein Mal, zwei Mal, hundert Mal,
jedes
Mal - all diese leserunfreundlichen Schnapsideen sind seit
1.8.2006 wieder abgeschafft, sowas muß nun wirklich keiner mehr
seinem Publikum antun. Gestandene Wörter, die es seit
Jahrhunderten
gibt, einfach abzuschaffen, dazu gab es weder Veranlassung noch hatte
jemand dazu eine Berechtigung.
- gestern
Morgen, heute Abend, wie Recht er doch hatte, obwohl er Schuld ist und
uns Leid tut - grammatisch alles so daneben wie "morgen Früh".
- Wenn aufwändig, warum nicht notwändig, in- und auswändig, aufwänden,
verwänden, verschwänden? Diese Peinlichkeiten treten ja massenhaft auf, und das
kommt nur von der einen überflüssigen Änderung "aufwändig", die 2006 auch wieder zurückgenommen wurde.
- Das (elegantere?) ä setzt sich aber doch immer mehr durch, während Edmund Stoiber es
immer öfter zu vermeiden schaffte: Stängel, Quäntchen, Majonäse, Gräuel, Gämse,
einbläuen, behände, belämmert. Nur behämmert war schon vorher richtig.
- Mit Känguru und Gnu auf du - warum nicht mit der Ku?
- selbstständig : sprechen Sie das etwa so aus? Und wenn, warum dann nicht "eigen ständig"?
- Der 19-jährige Jungunternehmer Tom will frühestens als 40-Jähriger seine Biografie schreiben. Die Zeitungen wimmeln von "Jährigen". Ist das ein neues Substantiv? Erkennen Sie da eine Logik? Viel eleganter ist es
und leichter zu merken: ohne den Bindestrich und immer mit kleinem j.
"-grafie" und "Schifffahrt" und dergleichen dürfen Sie
natürlich schreiben, aber die Überlegung kann nie
schaden, wem es denn nützt. Der Eleganz Ihres Textes eher nicht.
Auch beim "Potenzial" und "Differenzial" können Sie ruhig mal
überlegen...
- Tipp, nummerieren, platzieren und sogar deplatziert - wer so tollpatschig schreibt, ärgert
sich nur, daß topp und Tripp und fitt und Slipp falsch sein sollen.
- Schluß
mit
Stuss - wenn Sie die Rote Karte so richtig genüßlich
ausspielen wollen. Denn wer kann im Ernst meinen, daß ein
Schlussstrich eleganter sei als ein Schlußstrich, ein Schlosssee
besser lesbar als ein Schloßsee, ein Essstäbchen graziler
als ein Eßstäbchen?
Woran erkennt man einen reformierten Text? Das einzige Neue, was garantiert
darin vorkommt, ist ss am Wortende. Ausgerechnet ss. Das gab es vorher nicht. Jeder kannte
die Regel: "ss am Schluß bringt Verdruß". Am Wortende, und
am Silbenende auch, KONNTE nur s stehen oder ß, nie ss - dadurch wurde gerade das Silbenende viel besser sichtbar.
(Außer in der Schweiz, das ist ein anderes Thema und beruht nicht auf einer Überlegung zur Leserfreundlichkeit.)
Halten wir fest: Wenn Sie reformiert schreiben, kann das jeder leicht erkennen, aber
nur am ss.
Es gibt wirklich kein anderes so häufiges und so eindeutiges Kennzeichen der Reform. Wollen Sie
das? Klar, Sie dürfen es, es ist ja vom Grundgesetz gedeckt. Manche halten es aber für den
schlimmsten Stuß der ganzen Reform. Es gibt dafür noch einen Haufen
anderer Gründe, die können Sie anderswo nachlesen. Falls Sie immer
noch überzeugt sind, die neue ss-Regel sei so schön logisch...
Wenn Sie diese 10 Peinlichkeiten vermeiden, schreiben Sie schon ganz
gut. Besser als fast jede Zeitung und sogar angenehmer lesbar als Bastian Sick.
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