Aktualisiert: 2008-07-15

Bernhard Eversberg, UB Braunschweig

Ursprünglich: Linz 22.09.2004, Österreichischer Bibliothekartag

Themenkreis: Google und die Zukunft der bibliothekarischen Erschließung

PowerPoint-Präsentation

1. Hat Katalogisierung Zukunft?

6. Machen wir überhaupt das Richtige?

2. Wie ändert sich Katalogisierung?

7. Was kann man tun?

3. Wer macht was und wo?

8. Das Mitdenken fördern

4. Was sollen Kataloge?

9. Kernspruch

5. Was brauchen Kataloge?

    Weiteres Material


"Katalogisierung" klingt in manchen Ohren altmodisch. Man redet heute von "Metadaten"! Gemeint ist zwar nichts völlig anderes, doch gibt es viele neue Formen, Praktiken und Nutzungen, während sich früher Katalogdaten fast nur in Katalogen und Bibliographien befanden, sich auf Bücher und Zeitschriften bezogen und ausschließlich von Fachkräften erstellt und gepflegt wurden, von Lesern nur passiv genutzt. "Metadaten" ist nur ein neuer Oberbegriff, aber mit einer Katalogdatenbank haben wir längst mehr und andersartige Datenelemente, Funktionen und Nutzungsmöglichkeiten als bei Zettelkatalogen und wir weisen nicht mehr nur Printmedien nach. Es ist notwendig, weiter auszugreifen als es die klassischen Regelwerke, RAK und AACR, getan haben, und deren hergebrachte Konzepte sind neu zu überdenken.

 

1. Hat Katalogisierung Zukunft?

Solange Offline-Dokumente existieren und gebraucht werden, solange geht es nicht ohne Katalogisierung. Möchte man meinen – vielleicht ist das aber doch oberflächlich gedacht! In "Google Booksearch" sind schon mehr als eine Million Bücher gescannt und die Volltexte suchbar gemacht - weitgehend automatisch. Das ist für die beteiligten Verlage ein neuer Zugang zum Käufer, vorbei an den Bibliotheken. Für alte Bücher aber werden Bibliotheken einbezogen, indem direkt zu ihren Katalogen durchgeschaltet werden kann. Bleiben über kurz oder lang nur die verlegerisch uninteressanten, älteren, nicht mehr im Handel befindlichen Werke, eine Art Bodensatz also, den Bibliotheken als Domäne übrig? Werden sie damit endgültig zu musealen Einrichtungen? Selbst das scheint nicht mehr unumstößlich: Google Book Search soll schließlich viele Millionen Bücher digitalisieren, darunter die komplette Stanford University Library. Nur das Urheberrecht wird wohl den weltweiten Zugriff auf Volltexte dann noch verhindern – vielleicht wird es aber auch neue, jetzt noch unbekannte Geschäftsmodelle geben.

Das "Grundgesetz der Informationssuche" (s.u.) hat den Bibliotheken früher nicht viel ausgemacht: vieles konnte man ja nur in Katalogen suchen, und die waren eben so wie sie waren. Zunehmend tun sich nun aber neue Wege auf, die an den Bibliotheken vorbei ins Universum gedruckter Texte führen.

Bibliotheken haben jetzt ein Marketingproblem: Gut erschlossene Bibliotheksbestände sind und bleiben notwendig! Ist diese Einsicht noch vermittelbar? Sie ergibt sich nicht (mehr) von selbst. Und "gut erschlossene Bestände" gibt es nur, wenn gute Katalogisierung ihren Stellenwert behält: Gute Kataloge sind Stützpfeiler guter Bibliotheksarbeit. Daran wird sich wohl nichts ändern, doch was genau die Qualitätskriterien für Kataloge denn sind, wo sie zum Tragen kommen und wieviel Arbeit an welchen Stellen dafür aufzuwenden wäre, auf solche Fragen gibt es keine einfachen Antworten. 
 

 


1.1 Konkurrenten: Suchmaschinen

Wer heute irgendein Faktum braucht, wendet sich an Google – das Tätigkeitswort "googeln" wurde schon in den "Duden" aufgenommen. Diese Suchmaschine ist für viele gewissermaßen DAS Nachschlagewerk schlechthin, das man in jedem Fall zuerst heranzieht. Diese Wahr­nehmung und die erlebte Funktionsweise prägen sicherlich die Erwartungs­haltung hinsichtlich anderer Online-Nachschlagewerke, u.a. Bibliotheks­kataloge. Vermutlich (aber es gibt wohl dazu keine Untersuchungen) ist Google für viele die Entdeckung der Einfachheit (manchmal scheint es nur so) – auch wenn sie vorher von Nachschlagewerken oder ihrer Benutzung wenig oder keine Ahnung hatten. Wenn nun viele, die vorher wenig oder nichts fanden (oder nicht ahnten, wie sie es anstellen sollten), normalerweise etwas irgendwie Brauchbares finden, sind damit die meisten nicht unbedingt schon in der Lage, in allen Fällen etwas Gutes zu finden. Es folgt daraus auch nicht, Google sei das optimale Instrument für jede Informationssuche oder könne als Vorbild für jede Art von Katalog dienen.

Wenn man Studien zur Erfolgsquote anstellt, sollte man nicht den Versuchs­personen Aufgaben stellen (und damit schon gewisse Suchbegriffe suggerieren), sondern herauszufinden versuchen, mit was für Themen und Versuchen sie tatsächlich Erfolge oder Frustrationen erlebt haben. Mehr zum Thema in einem Papier  Zur Theorie der Kataloge und Suchmaschinen

 







1.2 Konkurrenten: Buchhandel

Amazon hat, anders als Google, Namensnormierung und Einheitstitel, jedenfalls für die Musik. Leider hat man diese Dinge neu erfunden, man nimmt nicht die Ansetzungen der LC, sonst könnte man leichter eine Quer-Abfrage von hier nach da machen, sprich vom Katalog zu Amazon, falls man das denn wollte. Oder, WENN Amazon es wollte, auch umgekehrt.

Z.B. hat Amazon: Pyotr Il'yich Tchaikovsky
aber die LC hat: Tchaikovsky, Peter Ilich, 1840-1893

RAK dagegen:  Čajkovskij, Pëtr

Amazon bietet aber ganz andere Funktionen, die man in  Bibliothekskatalogen noch kaum realisiert hat: Leser (Käufer) können Rezensionen schreiben, und es gibt die Funktion "Wer dieses Buch kaufte, hat auch jenes gekauft". Damit solche Dinge gut funktionieren, braucht es zwei Voraussetzungen: Eine sehr große Kundenbasis mit hoher Motivation. Wer Geld ausgegeben hat für ein Buch, ist daran wirklich interessiert und liest es oftmals sogar, und das ist günstig für eine aussagefähige Rezension. Der Versuch, Amazon in diesen Angeboten nachzueifern, kann keiner einzelnen Bibliothek gelingen, allenfalls einem großen Verbund. Selbst OCLC ist aber trotz einiger Versuche mit solchen Ansätzen noch nicht zum Erfolg gelangt. Das Karlsruher "Recommender"-System BibTip versucht, eine Amazon-ähnliche Auswertung von Katalogabfragen zu organisieren, damit der Katalog dem Nutzer Tips geben kann.

 

 

 



1.3 Neue Zugänge zu Katalogdaten

Früher gab es zum Auffinden von Publikationen kaum Alternativen zu Katalogen und Bibliographien, und um die zu benutzen, hatte man die Bibliotheken körperlich aufzusuchen. Jetzt kann man Kataloge an jedem PC im Netz konsultieren, erleichtert wird das zudem durch "virtuelle Kataloge", die automatisch auf mehrere Einzelkataloge zugreifen. Aber auch viele andere Suchdienste können zu relevanten Publikationen hinführen, und diese lagern nicht unbedingt nur in Bibliotheken. Online-Dissertationen, digitalisierte Bücher und E-Zeitschriften mögen in Papierform auch in Bibliotheken vorrätig sein, aber finden und nutzen kann man sie i.d.R. auch ohne jene und ohne ihre Kataloge.

Links - manches davon schon wieder überholt:

KVK, [Dreiländerkatalog] DigiBib NRW,  [Virtuelles Bücherregal],  Open WorldCat

 

 

 

 








1.4    Katalog < -- > Suchmaschine

Es fehlen Nutzungsstudien und Evaluationen, aber Suchmaschinen glänzen vor allem bei der schnellen Suche nach Fakten und Angaben aller Art. In Katalogen dagegen sucht man umfangreichere Darstellungen zum Lesen, Lernen und Studieren, die man typischerweise in Büchern findet. Nachschlagewerke aller Art haben deshalb aber in Bibliotheken schon einiges von ihrem Stellenwert eingebüßt. Zur Beantwortung einer Frage reicht z.B. in vielen Fällen eine Wikipedia-Fundstelle, die man weitaus schneller erreicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 


1.5 E-Publikationen in Katalogen?

Wer eine Dissertation oder ein Buch braucht, weiß meistens nicht, ob es auf Papier oder digital vorliegt. Weil alle Papierausgaben nur im Bibliothekskatalog zu finden sind, sollte man dort im selben Suchvorgang auch die entsprechenden E-Publikationen finden können.
Digitalisierte Bücher und E-Books (besonders wenn man dafür Lizenzkosten bezahlt) sind selbstverständlich Kandidaten für den OPAC. Denkbar ist auch, die gesamte Sammlung des Projekts Gutenberg in einen OPAC einzuspeisen (über 20.000 Titel), denn diese Ausgaben sind alle kostenlos und es handelt sich um Textdateien, nicht gescannte Seiten!
Weil aber E-Publikationen auch viele Fakten enthalten, die kein Katalog im einzelnen nachweist, müssen sie für Suchmaschinen zugänglich angeboten werden. E-Dissertationen erzielen deshalb vermutlich mehr Zugriffe über Google als über die Bibliothekskataloge, Papier-Dissertationen natürlich nicht. Bis heute!  Google Book Search ist dabei, das zu ändern.

 

Links: Lehrveranstaltungen TU Braunschweig im UB-Katalog

          Forschungsportal

 

 




 



2. Wie ändert sich Katalogisierung?

 

Kernfrage ist: Welche Dinge können Kataloge besser auffindbar machen als Suchmaschinen, und in welcher Weise?

Die Katalogisierung IST schon ein gutes Stück in die Zukunft katapultiert worden, wenn man bedenkt, was de facto schon alles gemacht wird, und zwar unabhängig von den (veralteten) Regelwerken.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2.1 Typologie der Abfragen

Hilfreich zum Verständnis ist es, verschiedene Arten von Abfragen zu unterscheiden, die beim Suchen vorkommen.
Was Suchmaschinen ebenfalls gut können, ist hier mit einem + markiert.
Wir wissen aber zu wenig über die Häufigkeit und Wichtigkeit dieser Typen aus Nutzersicht!
Link: Topic Maps .


 

 

 

 

 

 

 


 


2.2 Situation 2004 : International

FRBR ist keine vollkommen neue Idee!

Das Katalogisierungssystem IBIS der UB Bielefeld (daraus ging DABIS hervor) hatte schon in den 1970er Jahren die wesentlichen Züge des FRBR-Modells, dessen Grundgedanken auf die Konferenz von Paris 1961 zurückgehen. Alte Kataloge, z.B. die des Britischen Museums, der Bibliothèque Nationale, aber auch der Deutsche Gesamtkatalog, versuchten bei den "Vielschreibern" eine Anordnung des Materials, die sehr an die FRBR-Gliederung "Work – Expression – Manifestation – Item" erinnert. Anwendbar ist das Modell wegen des Aufwands sicher nicht auf die Gesamtheit aller Bestände, sondern in kleinen Teilbereichen. Die große Mehrheit der Dokumente erscheint ja nur in einer Ausgabe und Ausprägung, und dann ist FRBR gar nicht relevant.
Links: IFLA Metadata Resources, FRBR, Statement of Principles, VIAF, OPAC-Gestaltung

 

 

 

 


 





2.3 AACR3 / RDA  (ab 2009?)

Die AACR2 waren noch stark vom Zetteldenken geprägt. Erst jetzt kommt mit RDA (Resource Description and Access) die Online-Orientierung, dann aber gleich ausdrücklich auf Web-Kataloge gezielt, nicht allgemein auf Online-Kataloge. Wenn diese Ausgabe 2009 erscheint (angekündigt war sie für 2007), wird sich wohl die Frage des Regelwerks-Umstiegs neu stellen. Das Regelwerk erhält sogar mit RDA einen ganz neuen Namen. Auch in den Planungen der Deutschen Bibliothek und des Standardisierungsausschusses wird dies schon so gesehen. Bleibt nur die Frage, wann eine deutsche Ausgabe vorliegen könnte und in welcher Form, denn die Texte werden zunächst in einer Weise angelegt, die sich für eine Online-Hypertextausgabe eignet, weniger für eine gedruckte in Buchform. Zu den vielen Unklarheiten gehören die zu erwartenden Kosten.

RDA wird leider zunächst wenig hinausgehen über die klassischen Datenelemente der Katalogisierung: es wird keine Regeln geben für die Indexierung der Daten oder für den Umgang mit neuen Elementen wie Inhaltsverzeichnissen oder gar Daten, die von Nutzern eingebracht werden - sog. "tags". Indexregeln entsprächen den früheren Ordnungsregeln, die wir in RAK hatten, die aber nie Bestandteil der AACR waren.

Link: Strategic Plan / RDA

 

 

 

 

 

  

2.4 Situation 2008 im RAK-Land

Ein offenes Problem ist die zukünftige Organisation und personelle Ausstattung der Regelwerksarbeit. Bei einer Übernahme der RDA werden Umfang und Anspruch dieser Arbeit nicht geringer, sondern eher größer, weil ja die Übersetzungstätigkeit hinzukommt. Wo sind die Fachleute mit den nötigen Kenntnisse und Neigungen, und wer gibt ihnen dafür die Zeit (und das Geld für die Dienstreisen)?


Links:  DFG-Projekt DDB, RFK, Vereinheitlichung RAK/RSWK, Sucheinstiege, Codierungsregeln

 

 

 

 

 


 







2.5 RFK  Regeln für die Formal-Katalogisierung

Mit RFK (vorher "RAK2") war der Ansatz eines gründlich entschlackten Regelwerks gemacht, das sich auf Online-Notwendigkeiten konzentrieren sollte.

Um den Teil 1 der AACR (Beschreibungsregeln) leicht übernehmen zu können, wurde die Numerierung aller Kapitel und Paragraphen deren Struktur angeglichen. Durch die inzwischen erfolgte Abkehr von den AACR sind solche Überlegungen aber hinfällig, der Entwurf ist Geschichte geworden.

 

RFK = Regeln für die Formalkatalogisierung

 

 

 

 

 

 

 

 




 


3. Akteure

Neben denen, die hauptamtlich mit Katalogisierungsnormen zu tun haben, gibt es heute sehr viele Stellen, wo experimentiert und neue Konzepte ausprobiert werden. Außerdem können, manchmal kann man nur sagen leider, bestimmte EDV-Systeme mit ihren jeweiligen Besonderheiten die Katalogisierungspraxis beeinflussen (um etwa bestimmte Abfragemöglichkeiten und Anzeige-Eigenschaften zu erreichen). Bis heute ist es aber immerhin vermieden worden, in den Regeln direkt Bezug zu nehmen auf ein bestimmtes Datenformat, obwohl in den USA gelegentlich der Wunsch zu hören war, daß die Entwicklung der Regeln eng mit dem Format MARC21 abgestimmt werden sollte. Die RDA werden aber einen Anhang haben, der die zu einzelnen Kapiteln und Regeln korrespondierenden MARC-Felder auflistet. Für deutsche Bibliotheken ist dies wenig relevant, weil hier weiterhin beim Katalogisieren nicht mit MARC gearbeitet werden wird.

Innovationen und Sachzwänge verändern die Sichtweise der Betroffenen in Bezug auf die beim Katalogisieren zu beachtenden Dinge. Die hauptberuflichen Standardisierer haben manchmal nur ganz bestimmte (zufällige) oder keine derartigen Praxiserfahrungen.
Links: RAK-Weiterarbeit, Verbundzentralen,
JSC / MARBI, DNB Standardisierungsstelle


 

 




3.1 Verbund < -- > Bibliothek

Natürlich kann ein Verbundkatalog dem Endbenutzer viel mehr Fundstellen bieten als ein lokaler OPAC. Doch für den Normalfall hat der lokale Bestand eine hohe Bedeutung, weil nur dieser direkt zugänglich ist. Die begrenzte Ergebnismenge eines OPACs ist deshalb in vielen Fällen von hohem praktischen Wert, die u.U. viel größere Ergebnismenge des Verbundes ist subsidiär. Ergebnisse ausländischer Kataloge sind dagegen kaum von Interesse: man denke an die Kosten und die Dauer einer internationalen Fernleihe.

Diese Zusammenhänge könnten sich jedoch schlagartig ändern, wenn eine kritische Masse von Digitalisaten (siehe Google Booksearch) für jedermann erreichbar würde. Nur wird dann der Zugriff nicht mehr primär über die Kataloge gehen, sondern wegen des "Grundgesetzes der Informationssuche" immer zuerst über Google. Das Umschalten zwischen Katalog und Google wird damit jedoch äußerst interessant. Die Frage ist dann, mit was für Zugriffen man das am besten bewerkstelligen kann. Mit AACR-Ansetzungen? Momentan sieht es eher nach einer Verwendung von LC- oder OCLC-Nummern bei Google aus sowie natürlich der ISBN. Für eine thematische Suche kann man bei Google Booksearch aber auch schon LC-Schlagwörter verwenden. Dieses Thema kann hier leider nicht weiter vertieft werden. Hingewiesen sei aber auf das Konzept WorldCat Local bei OCLC, wo der OPAC ersetzt werden soll durch eine lokale Sicht des WorldCat! Der WorldCat selbst wurde inzwischen für die öffentliche Suche völlig freigegeben - davon konnte man früher nur träumen - aber ohne jede Möglichkeit einer direkten Datenübernahme. Dies würde OCLC's Geschäftsmodell zerstören, daher kann man es verstehen.







3.2 Wer macht die Arbeit und wo?

Bis vor 20 Jahren (vor der Verbund-Ära) hatte man in jeder Bibliothek jedes Buch selber zu katalogisieren, d.h. die Zettel dafür selbst zu schreiben, zu vervielfältigen und einzuordnen! (In den USA war das etwas anders: es gab schon sehr lange den Zetteldienst der LC.) Der Anteil der Eigenkatalogisierung ist auf wenige Prozent geschrumpft, in keinem anderen Bereich wurde der Arbeitsaufwand so stark reduziert. Der Spielraum für weitere Rationalisierung ist deshalb sehr begrenzt: auf Null kann man den Bedarf für qualifiziertes Personal nicht drücken.

Die Sachkatalogisierung ist hier nicht das Thema. Es gibt einen anderen Beitrag zu den Facetten der sachlichen Erschließung.

Zunehmend werden aber formale und sachliche Elemente aus anderen Quellen eingespeist, bis hin zu Buchhandels- und Endnutzerdaten. Der Katalog ist aus Sicht des Endnutzers eine Einheit, eine Trennung in Formal- und Sachzugriff ist kaum noch zu erkennen, jedenfalls nicht in dem beliebten "Google like"-Zugang mit dem Einwurfschlitz für alles, der die "Expertensuche" in den Hintergrund gedrängt hat.

 Links: OAI / ONIX / ZACK

 

 







3.3 Sonderkataloge

Fernziel ist der alles umfassende Gesamtkatalog mit Qualitäten einer umfassenden Bibliographie, aber Einbeziehung von Bestands- und Geschäftsgangsdaten. Vorerst aber müssen aus praktischen Gründen einige Sonderkataloge geführt werden. Integration in virtuelle Katalog-Zugangssysteme à la KVK ist aber schon jetzt weitgehend möglich. Die Einführung von Unicode soll es auch möglich machen, z.B. ostasiatische und arabische Titel in derselben Datenbank mit Originalschrift suchen und sehen zu können.

Link: EZB, DBIS, OPUS, MyCoRe, vascoda, CoOL, ZDB, VD16, VD17

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 



4. Was sollen Kataloge?

Die Frage ist alt, schon Dewey stellte sie und versuchte eine Antwort: "Was soll der Katalognutzer tun können?" Die FRBR beantworten das mit vier Schlagworten:  find, select, locate, obtain.  Im neuen "Statement of Principles" kommt noch  navigate  hinzu. Diese Schlagworte sind zu abstrakt und allgemein, hier werden deshalb die daraus folgenden Aufgaben des Katalogs etwas ausführlicher formuliert.

 

 

 

Mehr dazu:

  http://www.allegro-c.de/regeln/gz-1.htm


Dort finden Sie zu jedem der nebenstehenden fünf Punkte eine Kurzübersicht und eine ausführliche Darstellung. Es folgen die wichtigsten Angaben in Kurzform.

 

 

 





4 Was sollen Kataloge? 1. Verläßliches Finden ermöglichen

WAS kann man finden? WIE kann man es finden?

Nur bei formaler  Suche ("known item search" und Suche nach Namen und Werktiteln) ist Verläßlichkeit weitgehend erreichbar, bei sachlicher Suche grundsätzlich nicht. Denn bei der Sachsuche ist es eine Frage der Relevanz: "Ist ein gefundenes Dokument für mein Thema und meine Absicht relevant?" Das ist subjektiv, nur der Nutzer kann es beurteilen. Ein wirkliches "relevance ranking" kann es deshalb gar nicht geben, weil ja keine Software die Absicht des Fragestellers erkennen kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



4 Was sollen Kataloge? 2. Unterscheiden, was verschieden ist

Titelaufnahmen sollten immer schon in knappster Form eine zuverlässige Identifizierung der Objekte ermöglichen. Schon am Katalog soll erkennbar sein, und nicht erst beim Einblick in die Dokumente, ob man es mit unterschiedlichen Ausgaben oder Versionen zu tun hat. Die Suchmaschinen-Ergebnislisten lassen dies nicht immer zu, doch sind die Dokumente meistens nur einen Mausklick entfernt und können dann direkt verglichen werden. Der früher hohe Wert einer vorlagentreuen Beschreibung ist jetzt von untergeordneter Bedeutung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

4. Was sollen Kataloge? 3. Zusammenführen, was zusammengehört

Ein "Zusammenführen" soll unter formalen und sachlichen Aspekten möglich sein. Der Zettelkatalog leistete so etwas nur unter sehr wenigen, genau abgegrenzten Kriterien: Verfasser, Einheitstitel, Gesamttitel. Online-Kataloge haben ein viel größeres Potential, gut funktionieren kann es aber nur bei geeigneter Normierung der Daten. So z.B. wenn es um die Publikationen eines Verlages geht oder die Dissertationen einer Hochschule.

Ganz neu kommt hinzu: Ein Set  ist eine Teilmenge der Datenbank. Welche Arten von Sets abrufbar sind, ist momentan nirgends normiert: Sachgebiete  wären besonders interessant – dazu braucht man eine grobe Allgemeinklassifikation. Ob sich die Nummern der alten DDC dafür besonders gut eignen, hat sich noch zu erweisen.  Wichtig ist flächendeckende, einheitliche Anwendung.

Ein Code ist technisch gesehen nichts anderes als ein Normdatum; jeder Code führt die damit gekennzeichneten Datensätze zu einer Teilmenge der Datenbank zusammen. Codes sind im Gegensatz zu verbalen Elementen sprachunabhängig, damit können sie auch bei grenzüberschreitenden Abfragen einheitlich zum Einsatz kommen.

Die Idee der genau definierten Sets steht insbesondere beim OAI-Konzept hoch im Kurs. Da geht es darum, regelmäßig und automatisiert andere Datenbanken auswerten und Daten aus ihnen übernehmen zu können. 

Link:  OAI : Open Archives Initiative

 

 





4. Was sollen Kataloge? 4. Gefundenes überschaubar machen

Ein mit Google vergleichbares Ranking können Kataloge nicht leisten: dazu hätte man alle Zitate zu erfassen und dann zu zählen, wie oft ein Werk in anderen Werken zitiert wird. Der Science Citation Index leistet dies mit hohem Erfassungsaufwand für Zeitschriftenaufsätze, für Bücher fehlt dazu die Möglichkeit. 

Weniger schwierig wäre eine differenzierte Gewichtung von Wörtern: Titelwörter sollten dabei am höchsten, Abstract-Wörter am geringsten gewichtet werden, dazwischen Wörter aus Körperschaftsnamen, Serientiteln, Fußnoten. Bisher versucht wohl noch kein Katalog so etwas, aber hier könnte man in der Tat von Google noch lernen.

Das Ordnen größerer Erg.Mengen nach Sachgebieten könnte hilfreich sein, aber es fehlt eine allgemein und flächendeckend angewendete Fachgruppen-Klassifikation. Evtl. kann man sie ableiten aus den vorhandenen Sachnotationen, wozu auch Aufstellungsgruppen zählen. Vielleicht ist die Liste der dreistelligen DDC-Nummern eine brauchbare Basis für eine Fachgruppen-Klassifikation.
Ein neues Thema scheint faceted searching zu sein. Gemeint ist dabei weniger das Suchen, sondern das Browsing in größeren Ergebnismengen, die man nach unterschiedlichen Aspekten ordnen und gliedern könnte - wenn man geeignete Datenelemente dazu hätte, wie z.B. normierte Codes (siehe 5.)

Zum Ranking siehe auch 4.1.

  


  




4. Was sollen Kataloge? 5. Gewähltes zugänglich machen

 

Online-Kataloge müssen funktional integriert werden in alle Abläufe ("Workflows") der Bibliothekswelt. Das gilt nicht nur, aber ganz besonders für die Benutzungsfunktionen.

Die Erfassung korrekter und bestgeeigneter URLs oder URNs und deren regelmäßige Kontrolle ist ein neues Problem für die Führung von Katalogdatenbanken: man katalogisiert nun erstmals Dinge, die nicht unter der Kontrolle und nicht in den Mauern der Bibliothek stehen.

Wenn erst "kritische Massen" von digitalisierten Büchern zugänglich werden (siehe "Google Booksearch"), wird die Frage wichtig, ob und wie man diese von den Katalogen aus zugänglich machen kann. Aber auch umgekehrt: Wird irgendwo ein digitalisiertes Buch gefunden, das nicht als Ganzes kostenlos abrufbar ist, wie kann man den Nutzer dann zu Bibliotheksexemplaren hinführen? Dies ist bei Google Booksearch ja auch schon in Kooperation mit OCLC teilweise umgesetzt.

 

 

 

 

 



 

 






5. Was brauchen Kataloge?

Kataloge brauchen Software, mit der die verschiedenen Normen der Typen 2-4 umgesetzt werden können.

Eine Begriffsnorm wird auch gebraucht für die Ausdrucksweise an der Benutzeroberfläche.

Wünschenswert, aber für Online-Kataloge noch nicht existent, wäre eine Norm für die Präsentation: Wie sollen Titeldaten angezeigt werden (ISBD?), wie soll das Browsing in Ergebnismengen und Registeranzeigen aussehen? Anders als früher braucht ein Online-Regelwerk solche Normen nicht mehr zu behandeln, d.h. die ISBD kann weitgehend entfallen!

Ein IFLA-Papier zu den Fragen des OPAC-Design gibt es immerhin (s.2.2).

Sehr wichtig ferner für Interoperabilität (Virtuelle Kataloge): Normierung der Abfragesprache, und damit auch der Indexierung.

Relationale Datenbanken kümmern sich nicht um den Inhalt von Datenfeldern, das ist Sache des Anwenders. Metadaten-Strukturen wurden überwiegend von Datenbank-Leuten ausgedacht, die sich um den Inhalt der Datenelemente keine Gedanken gemacht haben.

Metadaten-Anwender waren häufig keine Bibliothekare und hatten daher keine Regelwerks-Kenntnisse, noch war ihnen die Bedeutung solcher Regelwerke bekannt. Dublin Core ist in seiner Intention nur eine Begriffsnorm, mehr nicht, noch nicht einmal eine Strukturnorm! Beteiligte BibliothekarInnen hatten manchmal einfach nicht den Durchblick...
Zum Thema Codes gibt es eine Ausarbeitung, die noch auf die Vorarbeiten zu RAK2 zurückgeht.

Suchmaschinen verwenden keine solchen Normen – das ist schlicht unmöglich, weil sie die Texte so nehmen müssen, wie sie sind.

 




5.1 Wozu brauchen sie das?

Katalogregeln sind Inhaltsnormen: sie regeln, wie die Inhalte der Datenfelder zu bilden ("anzusetzen") sind. Regelgerechte Ansetzung ist weder maschinell durchführ- noch überprüfbar, sie kann nur vom Katalogisierenden geleistet werden.

Die Wertnormen sind Ansetzungen, die regelgerecht gebildet wurden und die man entweder in die Dokument-Datensätze kopiert (so bei AACR/MARC üblich) oder mit denen man die Datensätze verknüpft (so z.B. in deutschen Systemen). Dazu sind dann Normdaten erforderlich, die man idealerweise in die Katalogdatenbanken integriert. Auch Codes gehören zu den Wertnormen.

 

 

 

 

 

 

 






5.2 Woran fehlt es?

Unsere Kataloge sind unzureichend durchnormiert, das ist das Hauptproblem. Ursachen dafür sind die lange und wechselvolle Vorgeschichte der Daten sowie ökonomische Zwänge, denn normkonformes Handeln kann teuer sein. Schwierig ist es zudem, wenn die Norm erst herauskommt oder wechselt, wenn man schon eine Menge Daten hat.

Wenn Normdaten ihr Wirkung richtig entfalten sollen, müssen sie überall verfügbar und leicht verwendbar sein (s.a. 6.7 "Normdaten-Google")! Davon sind wir weit entfernt, z.T. aus rechtlichen und z.T. aus organisatorischen Gründen (fehlende Software und Infrastruktur).

Besonders sachliche Erschließungsdaten sind zu wenig normiert und zu knapp oder gar nicht vorhanden. Normierungs- und Reformbedarf ist wohl in der Sacherschließung viel größer als in der formalen.

 

Link:

Indexierung

 

 



 






5.3 Daten-Aufwertung (upgrading)

Bei der "Aufwertung" geht es um das Verbessern von vorhandenen bibliographischen und Sacherschließungsdaten. Schlechte oder magere Daten z.B. aus Retro-Projekten können durch Einspeisen von Qualitätsdaten aufgewertet werden. Dazu können MARC-Daten gehören, und man sollte dabei z.B. die Personen- und Körperschaftsnamen nicht überschreiben, man kann vielmehr die AACR-Namen hinzufügen, um das systemübergreifende Suchen und das Querverbinden ("Vom Nachweis zur Nutzung") zu erleichtern.

Etwas anderes ist die "Anreicherung" (enrichment), siehe 6.4, die auf eine Erweiterung von Katalogdaten um neue, bisher nicht berücksichtigte Elemente zielt, um mehr Suchbegriffe zu bieten.

 

 

 

 

 

 

 

 



 



6. Machen wir überhaupt das Richtige?

Damit haben wir eigentlich genug Probleme, um uns recht lange zu beschäftigen. Trotzdem sollten wir nach dieser Bestandsaufnahme einmal einige Schritte zurücktreten und über den Sinn und Nutzen des Ganzen nachdenken, und das im Licht der Einsichten, die wir aus der heutigen Situation gewinnen können.

Die klassischen Ziele des Katalogs sind aufs Ganze gesehen wohl nur für einen kleineren Teil der heutigen Publikationen relevant, und auch dann nur für einen kleinen Teil der Fragen eines Teils des Publikums (vor allem Philologen, Historiker, Theologen). Andererseits ist das FRBR-Modell mit den Entitäten Work/Expression/Manifestation/Item vielleicht für die im Web mögliche Vielfalt von Dateiversionen besonders geeignet. Aber das sind Vermutungen, die nur durch qualitative und quantitative Studien zu erhärten wären.

Dagegen sind die Vorstellungen der Endnutzer von den Leistungen der Kataloge notwendigerweise sehr heterogen, selten reflektiert, nicht selten weit jenseits der Möglichkeiten. 

Eine ernstlichz u prüfende Erwartung ist die der Öffnung: Neue, vor allem auch automatisierte Zugänge und Möglichkeiten der Verlinkung, Ausgabe von Daten in gängigen Formaten, die von gebräuchlicher Software verstanden werden, "soziale" Elemente (Kommentare, Wertungen, Rezensionen, "Tags").

Wie auch immer: Bibliotheken müssen trotz allem unbedingt dem (unreflektierten) Eindruck entgegenwirken, das Internet sei eine Alternative oder fast alles sei ja nun online. 

Wichtig ist auch das Erscheinungsbild, siehe 8.

 


 





6.1 Was sollen Kataloge? Die "Zentrale Erwartung"

"Was sollen Kataloge" – die bisher vorgestellten Punkte wurzeln tief in der Tradition bibliothekarischen Denkens. Zwar sind wir auch selber Katalogbenutzer, doch sind unsere Erwartungen dabei geprägt von den Aufgaben, die wir zu erfüllen haben, und diese Aufgaben sind von anderer Art als die der meisten Endnutzer:

Wenn man diese Frage an unvorbelastete Endnutzer stellt, kommt etwas ganz anderes heraus: die sog. "Zentrale Erwartung" würden sicherlich fast alle spontan unterschreiben. Sie ist zwar nicht erfüllbar, aber ein gutes Stück näher als bisher könnte man doch herankommen.

In vielen Fällen wäre jedoch dem Nutzer mit einer Anzeige wirklich aller relevanten Publikationen wenig gedient - es wären schlichtweg zu viele, und er wäre voll zufrieden mit den drei oder vier besten! Die Zentrale Erwartung würde dann erweitert auf die Forderung, die "relevantesten" Dinge sofort ganz oben zu sehen...

Die "Erinnerungsrecherche" (known-item search) wird in den Erwartungen der Nutzer bestimmt nicht als besonderes Problem angesehen werden – es braucht sie gleichwohl jeder, und sie ist das zentrale Thema der Formalerschließung!

 

Link Zentrale Erwartung prinzipiell unerfüllbar

 


 





6.2 Neues Katalogdenken?

Klassische Titelaufnahmedaten sind nicht geeignet, der Zentralen Erwartung viel näher zu kommen. Es müssen weitere Daten hinzutreten, dis bisher nicht eingegeben wurden. Das kann nur mit neuen Methoden gelingen, die wenig Personaleinsatz fordern: Scannen oder Bezug von Inhaltsdaten etwa von Verlagen (z.B. auch SwetScan).

Beispiel aus dem Privatbereich: "Amazon Cover Search" zum Auffinden von Buch- und CD-daten incl. Textmaterial bei Amazon und Übernahme in eigene Buchdatenbank.

Eine "Strukturierung" des eingescannten und in Textdaten umgewandelten Materials ist u.a. deshalb nötig, damit eine Gewichtung (Ranking) nach formalen Kriterien stattfinden kann: mindestens müssen Titelwörter ein höheres Gewicht haben als solche aus dem Inhaltsverzeichnis, diese ein höheres als Textwörter. Programme müssen also diese Bestandteile unterscheiden können. Dafür gibt es bisher keine Norm. HTML oder XML wäre nur die Strukturnorm!

Offen ist, ob und welche Normen für Inhalte und Werte mit solchen Modellen überhaupt umgesetzt werden können, d.h. welches Maß an Konsistenz hergestellt werden könnte.

Für eine linguistisch-lexikalische Analyse ist jede Sprache separat zu betrachten, weil dafür jeweils speziell strukturierte Thesauri vorhanden sein und gepflegt werden müssen. In Bregenz und im GBV werden neben deutschen jetzt auch englische Daten verarbeitet.

Wertvoll wäre es, wenn ein möglichst großer Teil der Daten durch Sachgruppen-Notationen gekennzeichnet wäre; als gemeinsamer Nenner käme evtl. die 3stelligen DDC-Hauptgruppennummern in Betracht.

Für das Ranking in Katalogdatenbanken kommen weitere Kriterien in Betracht, die bisher dafür nicht herangezogen wurden: Stärkere Gewichtung für Dokumente, die in mehreren Auflagen und/oder Übersetzungen erschienen (Einheitstitel wird gebraucht), Ausleihhäufigkeit, Umfang. Doch mit wirklicher Relevanz im Sinne des Nutzers wird alles das nie voll übereinstimmen.
Beiträge von Nutzern: Dieses Thema ist spätestens seit LibraryThing sehr virulent. Dies ist eine sog. Social Software, eine Art OCLC für Amateure und ihre Privatbibliotheken. Kann man auch Bibliothekskataloge so erweitern, daß Nutzer eigene Schlagwörter einbringen können (sog. tags), sowie auch Rezensionen und Bewertungen, wie man es schon von Amazon kennt?

 

6.3 Sind Metadaten die Lösung?

Die Grundidee ist nicht sehr neu: CIP-Aufnahmen hatten ebenfalls das Ziel, wichtige Angaben direkt in die Publikationen einzubetten.

In vielen Fällen ist das "Einbauen" von Metadaten gar nicht möglich, z.B. alles "Altmaterial", meistens ist aber das Erstellen von getrennten Metadaten, also Katalogdaten, leichter durchführbar.

Fast immer sind die Produzenten nicht in der Lage, adäquate Metadaten bereitzustellen. Eingebettete Dublin-Core-Metadaten in Webseiten müssen stets nachgebessert werden (Projekt CORC bei OCLC), können aber als Grundlage helfen. Nur: Welche Web-Objekte lohnen eine Katalogisierung? Welche Angaben braucht man, damit Kataloge dann einen besseren Dienst leisten können als Suchmaschinen? Diese werten selber die Metadaten oft gar nicht aus, und zwar wegen des zu beobachtenden Versuche für Werbe- und andere Zwecke, z.B. das Ranking zu manipulieren.

Von Konsistenz ist die Metadaten-Szene, aufs Ganze gesehen, weit entfernt. Die Vorstellung, Autoren könnten ihre Publikationen angemessen mit Metadaten ausstatten, kann man wohl als wirklichkeitsfremd einstufen.

Links:http://www.w3.org/2004/OWL/

DC  /   Semantic Web  /  Ontologien









6.4 Daten-Anreicherung (enrichment)

Bei der Anreicherung (im Gegensatz zum "Upgrading", s. 5.3)  geht es darum, nichtbibliographische Daten mit einzubeziehen, weil die klassischen Katalogdaten für Entdeckungsrecherchen viel zu mager sind, d.h. zu wenig Wortmaterial enthalten. Außerdem kommen, anders als in Volltexten, viele Wörter nur in Flexionsformen (vor allem Genitiv und Plural) vor, an die ein Nutzer oft nicht denkt.

Beispiel: Landesbibliothek Bregenz. Dort werden die Inhaltsverzeichnisse gescannt, mit OCR in Text umgewandelt, dieser Text von einer Firma linguistisch-lexikalisch bearbeitet und das dabei entstehende Wortmaterial dann in den OPAC-Datensatz eingemischt und mit indexiert. Der GBV (Göttingen) hat begonnen, ebenfalls solche Verfahren einzuführen, nachdem der Südwestverbund mit "SWBplus" schon einige Zeit ähnliche Dinge gemacht hat.
Die Library of Congress hat ein Verfahren, Tables of Content (ToC) an den Katalog anzubinden, aber noch nicht einzubinden.

Dies wurde von einer Arbeitsgruppe namens BEAT (Bibliographic Enrichment Advisory Team), entwickelt, die zahlreiche Verfahrensweisen untersucht, wie bibliographische Daten angereichert werden könnten. Viele der dort betrachteten Methoden sind allerdings für das Retrieval nicht relevant, eher für das Navigieren und als Zusatzinformation für die Auswahl aus Ergebnismengen.

Links: Vorarlberger Landesbibliothek BregenzOhioLink

 

 





6.5 XML-Datenbank?

Wenn mehr Wortmaterial die Kataloge bereichern soll, sollte das mit einer wohlüberlegten Strukturierung geschehen, die über MARC und MAB hinausgeht. Ein XML-Schema wird gebraucht, um textliche Inhalte flexibel zu strukturieren, damit sie sowohl maschinell leicht auswertbar werden als auch ansprechend präsentiert werden können.

Eine Datenbank intern mit XML zu gestalten, das sagt sich leicht, aber es ist noch nirgends überzeugend für Katalogdaten umgesetzt worden. Nichts würde dadurch automatisch sofort besser! Wirklich notwendigIntern kann jede Datenbank so bleiben, wie sie ist! XML ist keine Lösung, sondern nur ein Werkzeug für den Austausch zwischen Systemen und Anwendungen.
Links:  MARC21-XML / MAB-XML : Wirklich notwendig
ist nicht mehr als das Exportieren und Importieren von Daten mit XML-Struktur.

 

 

 








6.6 Neuer Oberflächentrend

Google mit seiner "Meinten Sie vielleicht ..."-Funktion zeigt ein Beispiel, wie man den Nutzer mit Hilfe einer Datenbasis unterstützen kann, statt nur mit Algorithmen, denn die Vorschläge kommen aus einer Art Wörterbuch-Datenbank, die weitgehend automatisch geführt wird.

Eine Datenbasis ist nicht unbedingt besser: Generelle Indexierung von "...graph..." als "...graf..." und ebensolche Umwandlung der Nutzereingabe (dazu sind nur Algorithmen nötig) würde alle Fälle dieses speziellen Problems abdecken, eine Datenbasis aller Wörter mit "graph/graf" ist dagegen erheblich komplexer und immer lückenhaft.

Problem: Sehr hohe Komplexität bes. bei Mehrsprachigkeit, bei Aufbau und Pflege der Datenbasis.

Problem: Katalogübergreifende Zugriffe (Virtuelle Kataloge)

Erschwerend hinzu kommt die Wirrnis der Orthographie: Rechtschreibreformer haben nie diskutiert, wie sich die Änderungen auf Datenbanken und ihre Suchfunktionen auswirken.

In letzter Konsequenz kann die Sache noch weiter gehen: sowohl die Indexierung der Daten als auch die Vorbearbeitung der Nutzeranfrage bräuchten nicht mehr vom Katalogsystem selbst erledigt zu werden, sondern von einem eigenen Server, der auch anderswo, z.B. beim Verbund, angesiedelt sein kann. Dies hätte den Vorteil, die Komplexität der datenbankgestützten Bearbeitung nur an einer Stelle vorhalten und pflegen zu müssen. Man könnte das auch als "Interface-Outsourcing" bezeichnen. Weniger einschneidend ist es, lediglich lokal die Funktionen der Datenverwaltung und des Nutzerkatalogs zu trennen. Dazu gibt es schon mehrere Ansätze, von denen nur CixBase (früher Osiris) und das recht neue VuFind (ein Open-Source-Projekt) genannt seien. Hier kommt Suchmaschinentechnik zum Einsatz, was innerhalb von herkömmlichen integrierten Bibliothekssystemen nicht erreichbar zu sein scheint. Ein Outsourcing von Katalogleistungen findet z.B. auch schon statt bei dem System IntelligentCapture zur Scanner-Erfassung und OCR-Aufbereitung von Inhaltsverzeichnissen. Die Vorarlberger Landesbibliothek in Bregenz hat sich damit einen Namen gemacht, der GBV und einige seiner Teilnehmer haben davon auch bereits profitiert. 


 

6.7 Datenbankunterstützer Katalog

Das Prinzip des datenbankgestützten Katalogs ist es, sowohl die Indexierung wie auch die Behandlung der Nutzereingabe mit Hilfe von geeigneten Datenbanken (Wörterbuch- und Normdateien) zu unterstützen. Solche Datenbanken können Teil des lokalen Systems sein, sie könnten aber auch in ganz anderen Systemen liegen.

Hier eine Skizze für den Bereich der Namenssuche.

Vorstellbar ist ein Normdaten-Google, wofür die VIAF schon ein Prototyp sein will:  Die Suche fände in einem Normdaten-Gesamtpool statt (auch Klassifikationen und Thesauri könnten und sollten hinein); in den Ergebnislisten könnten dann Einträge im Katalog der lokalen Bibliothek (oder ein Link dorthin) zuerst erscheinen, dann aber Hinweise auf Bestände anderswo: Verbund, DDB, LoC. Die Suchanfragen an die jeweiligen Kataloge würden, ohne die Nutzer mit diesem Wissen zu belasten, mit der jeweils richtigen Namensform bzw. IdNummer weitergereicht.

Ein Problem ist allerdings die Trunkierung, aber auch die Verbindung mit der Suche nach Titelstichwörtern, die ja nicht in gleicher Weise normiert werden kann wie Namen.

Eine umfassende Anwendung der VIAF für alle Namen ist jedoch sicher utopisch. Besonders dann, wenn Aufsatzdaten hinzukommen, wird man den Umfang des Namensmaterials nicht bewältigen können. Problematisch sind jedoch vorwiegend alte Namen bis etwa zur Renaissance und transliterierte Namen, moderne europäische ansonsten weniger.

Zur Illustration: Klassifikations-Testdatenbank, darin sind Teile der LC-Klassifikation, Dewey, Basisklassifikation und ASB vereinigt, mit Verlinkung zum allegro-OPAC der UB Braunschweig bzw. Stadtbibl. Altena.

 



 


 


7. Was kann man tun?

Das Einbringen von digitalen Objekten und Internetquellen in Kataloge geschieht noch nicht nach einem koordinierten Plan. Dazu ist eine Politik erst noch auszuarbeiten, um die vielen technischen Lösungen zusammenzubringen. Wenn man z.B. einen Verbundkatalog als primären Nutzerkatalog etabliert (s. 3.1), dann brauchen digitale Quellen und Zeitschriftenaufsätze nur dort nachgewiesen zu werden.

Wir wissen viel zu wenig über das heutige Suchverhalten und die Notwendigkeiten der Endnutzer. Ohne solches Wissen tappen wir aber im Dunkeln hinsichtlich der Entwicklung der Katalogisierung.

Zwischen den Verbünden kann noch viel ausgetauscht und die Daten gegenseitig verbessert werden, bes. auch Sachdaten! Aber auch AACR-Daten kann man einmischen, doch ohne RAK-Daten zu überschreiben ("Upgrading"). Aufwertung und Anreicherung sind erst in Ansätzen realisiert, es kann noch viel geschehen, doch vordringlich ist die Einigung über Verfahren und Normen und dann die Öffnung der Kataloge und der Normdatensysteme für Zugriffe aller Art von allen Seiten, auch aus automatisierten Systemen heraus (OAI) und durch Endnutzer, die gerne Katalogdaten in eigene Literaturverwaltungen übernehmen wollen (z.B. EndNote und Citavi).

Nur das VIAF-Konzept kann die grenzüberschreitende Suche nachhaltig verbessern, ohne zu massiven Einschnitten zu zwingen, bei denen die lokale Konsistenz leiden würde.

Katalogisierung liefert nur noch einen Teilbeitrag zur Erschließung weltweiter Bestände. Die weitere Entwicklung sollte daher auf eine bessere Integration der Katalogisierungsprodukte in den größeren Zusammenhang bedacht sein. Auch ist zu fragen: "Was brauchen wir nicht zu machen?" Dabei aber nicht vergessen: Google ist ein geschenkter Gaul, den wir nicht lenken können. Keiner weiß, wie lange er es noch macht, oder wie lange noch kostenlos. Es wäre leichtfertig, auf ein Phänomen wie Google ganze Strategien zu gründen.

Ein Normdaten-Google (s. 6.7) könnte Katalogisierern wie Endnutzern das schnelle und bequeme Suchen und Blättern in Normdaten aller Art ermöglichen, sowie das leichte Übernehmen beim Katalogisieren und das sofortige Weiterleiten in Kataloge beim Suchen. Als Prototyp dafür kann man VIAF betrachten, wie es bei OCLC in dem Zugangssystem "Identities" schon seinen Niederschlag gefunden hat.

Außerdem ist generell das Erscheinungsbild und die Funktionsweise der Kataloge zu überdenken und zu vereinheitlichen, insbes. auch das Vokabular, mit dem man den Nutzer konfrontiert.

 


 


8. Das Mitdenken fördern

Bibliotheken und Internet zusammen umfassen nichts anderes als die angesammelten Einfälle, Erfahrungen, Erkenntnisse und Erinnerungen aus allen Zeiten und Regionen, in allen Sprachen, zu allen Themen und von ungezählten Personen dieses Planeten. Das Navigieren in diesem mehrdimensionalen Universum kann kein Kinderspiel sein...

Aber das Technikvertrauen oder die Technikgläubigkeit ist anscheinend um so größer, je weniger ein Nutzer wirklich von der Arbeitsweise von Datenbanken versteht. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, Datenbankkunde zu vermitteln, aber wir sollten durchaus die Dinge nicht so erscheinen lassen, als sei alles "ganz einfach". Das Nutzen von Suchsystemen ist heute eine Kulturtechnik, die entscheidend ist für den Erfolg vieler Menschen bei vielen Aufgaben. Anscheinend ist selbst die Nutzung simpler alphabetischer Register keine Selbstverständlichkeit, auch Techniken wie Trunkierung, Maskierung und gezielter Einsatz logischer Kombinationen sind kaum bekannt.

Wenn wir etwas genauer differenzieren können, wie gesucht wird und was gebraucht wird, sollte mit professioneller Hilfe (Lern- und Werbepsychologen?) ein Muster-Tutorial entwickelt werden, das in ansprechender Form notwendiges Wissen vermittelt und neugierig macht auf die Erkundung von Möglichkeiten jenseits simpler Einwort-Suchmaschinen-Abfragen.

Beispiel für das Web: die Suchfibel von S. Karzauninkat, Mit-Urheber des noch sehr neuen Suchdienstes seekport.

Wichtig wäre, solche Techniken in die Schul- und Hochschulcurricula einzubauen ...

 



 


9. Kernspruch

  

Ein guter Zettelkatalog war immer mehr als die Summe seiner Zettel: er erleichterte den Überblick und das Entdecken durch die sinnreiche Anordnung der Zettel und durch Leitkartensysteme. Jeder Katalog war aber eine abgeschlossene Welt für sich mit seinen eigenen Besonderheiten und nur am Ort zugänglich, sein Nutzen deshalb lokal begrenzt. 

"Ökonomie der geistigen Arbeit" ist eine Notwendigkeit für jeden, der mit dem heutigen Überangebot von Publikationen und Informationsmaterialien zurechtkommen und noch eigene Leistungen erreichen will.

Das Wort von der "Nationalökonomie des Geistes" stammt von Adolf von Harnack, 1921. Man hört heute in diesem Zusammenhang auch den Ausdruck "Wissensorganisation". Es ist jedoch, genau genommen, nicht das Wissen selbst, das in den Bibliotheken organisiert wird, sondern es sind Aufzeichnungen, und es geht dabei nicht um das Organisieren an sich:

Ökonomie ist der sinnvolle Umgang mit knappen Ressourcen.

Womit besonders ökonomisch umzugehen ist, das ist die Zeit und Aufmerksamkeit des Nutzers! Hier liegt die Knappheit, nicht bei den Beständen an Dokumenten und Aufzeichnungen, zumal im Online-Zeitalter, das die Verbreitung und den Zugriff technisch enorm erleichtert hat. Es gilt, die richtigen und qualitätvollen Aufzeichnungen zur Aufmerksamkeit des Nutzers zu bringen und die notwendige Sichtung mit geeigneten Methoden zu erleichtern, damit er seine Zeit nicht mit dem Wühlen in großen Massen zweitrangigen oder irrelevanten Materials vertut. Alles das kann nicht annähernd optimal mit einem lokalen Katalog erreicht werden. Und es gehört mehr dazu als ein modernisiertes Katalogregelwerk, das wenig mehr leistet als altbekannte Prinzipien in modernisierter Sprache etwas umfassender zu umzusetzen.

 

 


Weiteres Material

 

http://www.allegro-c.de/formate/Material zu Formaten und Regelwerken

Zur Theorie der Kataloge und Suchmaschinen : Vergleichende Tabelle Katalog<->Suchmaschine

Wozu überhaupt katalogisieren? Für Skeptiker

Kleine RAK-Hinführung : Wie katalogisiert man ein Buch?

Eine seltene Sache : Der Erfolg bei der sachlichen Suche

Sachliche Erschließung : Aufgabe mit vielen Facetten

Klaus Graf: Enriched Content : Viel Material zur Anreicherung von Katalogen (2004)

Mit vielen Links zu Projekten weltweit


Pierre Gavin: Die Zukunft der Katalogisierung : Die Katalogisierung der Zukunft (2003)

Schwerpunkt Schweiz


Jürgen Kästner: 10 Thesen zur Katalogisierung der Zukunft (2002)

                Vielerlei Gedanken zur Umgestaltung des Katalogwesens

Zur Theorie der Kataloge u. Suchmaschinen  Vergleichende Tabelle der Eigenschaften und Funktionen