Das wahre Jahrtausendproblem

Eine Kurzgeschichte zum Jahresausklang 2000

Die Welt um ihn herum versank, wenn Walter auf Fehlersuche ging. Auf die Suche nach Programmfehlern, um es genau zu sagen, denn er war Systemverwalter in einem mittelständischen Unternehmen und so »von Amts wegen« regelmäßig konfrontiert mit den Unvollkommenheiten der allzu euphemistisch so genannten Künstlichen Intelligenz.

Jetzt aber hatte Walter die Verbindung zum Datennetz gekappt, seine Anlage abgeschaltet. Was konnte man schon noch Sinnvolles tun? So kurz vor der Jahrtausendwende - der wirklichen, nicht der scheinbaren, welche die Massen vor einem Jahr so unsinnig gefeiert hatten. Nichts hatte sich geändert, nichts von Belang war geschehen an jener vermeintlichen Zeitenschwelle, allen aberwitzigen Kassandrarufen zum Trotz. Natürlich nicht. Denn jetzt erst stand die wirkliche Wende bevor, das letzte der zweitausend Jahre lief heute ab, die letzte Stunde war angebrochen. Doch allenthalben war die Zuversicht zu spüren gewesen, daß sich wieder nichts Desaströses ereignen, wieder nichts von Belang passieren würde. Nicht den kleinsten Hinweis hatte Walter bemerkt in all den Publikationsorganen, die vor einem Jahr Endzeitängste herbeischrieben, die den Untergang der Zivilisation an die Wand malten aufgrund von Fehlern in Computerprogrammen. Ein Jahr zu früh!

Das Unvollkommene fesselte Walter weit mehr als jede scheinbare oder vorgebliche Vollkommenheit, und zumal jene, die auf dem Markt der »weichen Ware« unverfroren vorgegaukelt wurde. Allzuviele Programmierer waren ihm begegnet, die trotz gegenteiliger Erfahrungen, ja sogar wider besseres Wissen, unbeirrt dem Ideal des fehlerfreien Programms nachjagten. Die formale Fehlerfreiheit von komplexen Algorithmen ist, so ergibt es sich aus dem berühmten Gödelschen Unvollständigkeitssatz, grundsätzlich nicht in endlicher Zeit zweifelsfrei erweisbar. Das jedoch schien niemand anzuerkennen, wiewohl es sich dabei um keine Glaubensfrage, um kein Dogma, sondern um ein solides Theorem handelte. Nein, für Walter stand fest: ganz gleich, wie lange ein Programm auch fehlerfrei gearbeitet haben mochte, es gab keine Gewähr, daß es nicht im nächsten Moment entgleisen könnte, oft zwar folgenlos und bloß irritierend, mitunter aber unwiederbringliche Daten mit sich reißend. Als Betreuer von Rechnersystemen, so Walters immer wieder bestätigte Überzeugung, hatte man Pessimist zu sein, mindestens im Sinne jenes antiken Arztes, wie war doch gleich sein Name, der schon wußte: Gesundheit ist ein Zustand unentdeckter Krankheit.

Auf Fehlersuche ging Walter infolgedessen nicht, wie andere seiner Zunft, nur dann, wenn Probleme auftraten. Reale Ausfälle aus heiterem Himmel waren zwar auch für sein Nervenkostüm eine ständige Gefahr, um nicht zu sagen, er fluchte dann so hemmungslos wie jeder andere. Keiner hatte dann aber einen schärferen Blick für die Zusammenhänge, für die nur scheinbar unbeteiligten Umstände und Details, die die Kalamität herbeigeführt hatten. Kein fehlendes Semikolon entging ihm, kein Buchstabe O statt Ziffer 0, kein Leerzeichen am falschen Platz, und instinktsicher kreiste er die Stelle ein, an der ein Nutzer, von seiner Intuition in die Irre geführt, genau die einzige falsche Taste gedrückt haben mußte. Aber wirklich angetan hatten es ihm die als grundsolide geltenden Programme; jene Programme, die schon keiner mehr als solche wahrnahm, mit denen jeder umging wie mit Hacke und Spaten, bei deren Benutzung niemand an Versagen denkt. Nichts verschaffte ihm größere Selbstbestätigung, als ein solches Programm zum Absturz oder wenigstens zu Fehlleistungen zu bringen, dann aber sogleich den lückenlosen Nachweis zu führen, unter welchen Umständen es versagen mußte, und was demnach die Entwickler nicht bedacht hatten. Und welcher Triumph, wenn er gar, allein durch geduldige und minutiöse Beobachtung und lange Ketten von messerscharfen Schlußfolgerungen, ganz ohne Experiment, zu einer Vorhersage gelangen konnte, wie und wann und warum ein Programm seinen Geist aufgeben würde. In einer früheren Zeit hätte Walter wohl Detektiv werden und ein paar sehr bekannte Kollegen in den Schatten stellen können. Selber schrieb er indessen so gut wie keine Programme, nur sogenannte »Skripte« zur Automatisierung von Abläufen, wie es eben zu seinem Berufsbild gehörte. Seine Tätigkeit betrachtete er wie die eines Kritikers, der ja gleichfalls keine Literatur selbst produziert, der die Hervorbringungen anderer aber effektvoll in der Luft zerreißen kann.

Die Welt um ihn herum versank deshalb auch, wenn Walter in anregende Lektüre vertieft war. Kurzgeschichten waren ihm lieber als Romane. Besser gesagt, er hatte vor guten Kurzgeschichten eine höhere Achtung als vor noch so guten Romanen. Er teilte die bekannte Ansicht, daß in einer Kurzgeschichte jedes Wort sitzen muß, jede Silbe sogar und jedes Satzzeichen. Weniger gute Kurzgeschichten erkannte er daran, daß man durchaus hier und da ein anderes Wort einsetzen, eines wegnehmen, hinzufügen, eine Satzstellung verändern konnte, ohne daß es viel ausmachte. Eine wirklich gute jedoch würde durch solche Manipulationen unweigerlich beschädigt, ganz ähnlich wie fast alle Mozart-Kompositionen, die ja gleichfalls, was ehrgeizige Virtuosen immer bedauern, keinerlei ausschmückende oder straffende Eingriffe vertragen.  Aber besonders wichtig: die wahre, zunächst dunkle und auch dem scharfsinnigsten Leser nicht ganz faßbare Aussage und Konstruktion der Geschichte darf erst durch den letzten Satz schlagartig erhellt werden, so als würden damit alle Bühnenscheinwerfer auf einmal eingeschaltet. So konnte Walter, gewissermaßen als Ausgleich zu den regelmäßigen Ernüchterungen des Berufslebens, in der Literatur wie in der Musik gelegentlich jene Vollkommenheit erleben, die in der binären Welt Illusion bleiben mußte.

Walters wirklicher Vorname war Ernst. Diesen jedoch hatte seine langjährige Gefährtin Ilka, unbeeindruckt von literarischen Namensvettern, von vornherein ignoriert und statt dessen, als sie seine Berufsbezeichnung vernahm, daraus sofort durch Verkürzung, als Spitz- und später Kosenamen, den Namen abgeleitet, unter dem er nun in seiner Umgebung bekannt war.

Ilka war für die Feiertage in die Hauptstadt gefahren, um familiäre Beziehungen zu pflegen, die wieder einmal lange vernachlässigt worden waren. Ilka und Walter waren trotz mancherlei Verschiedenheiten des Temperaments - sie las beispielsweise lieber dickleibige Südstaaten-Epen - in jenem beneidenswerten Stadium angelangt, das nicht viele Paare erreichen: die Beziehung mußte nicht mehr thematisiert werden und stand nie im geringsten in Frage, die einzigen vorkommenden Spannungen waren immer noch und immer wieder die der angenehmen Art. Sie trennten sich deshalb nicht oft, und nie war es ihm so schwer geworden wie dieses Mal. Ilka hatte sich damit zufrieden gegeben, daß er in diesen hektischen Tagen keine Neigung zu einer Reise in die Metropole hatte, und sie verstand auch, daß ihm an den Familienbanden weniger gelegen war. Walter aber hatte nur mit Mühe seine wahren Gründe, seine tiefe Besorgnis überspielen können.

Schon lange vor der letzten Jahreswende, schon als die Medien damit begannen, die denkbaren Auswirkungen des Jahr-2000-Problems zu grauenvollen Katastrophenszenarien auszuphantasieren, hatte Walter tiefer unter die Oberfläche und weiter voraus geblickt. Alle wußten oder konnten wissen, aber man zweifelte, daß viele es begreifen konnten oder wahrhaben wollten, daß das Erscheinen der Ziffer 2 noch nicht den Jahrtausendwechsel darstellte, sondern daß erst mit Beginn des Jahres 2001 tatsächlich zweitausend Jahre sich runden würden. Ein ganzes Jahr zu früh war also, gegen alle Vernunft, die Welt an den Rand der Panik geredet worden. Jetzt, erst jetzt stand der Moment bevor, aber das seinerzeit alles überschattende Schreckensthema war so tief verdrängt, daß selbst der Schnee von gestern mehr Aufmerksamkeit erregte. Selbstverständlich war es klar gewesen, daß der Wechsel von der 1 zur 2 an der Spitze der Jahreszahl für alle Digitalrechner problematisch werden musste, da sie ja im tiefsten Innern alle nur mit den Ziffern 0 und 1 rechnen können. Lange jedoch waren die Verfahren schon bekannt, mit denen dieses Dilemma überwunden werden konnte, und so war es nur ein quantitatives Problem, alle diejenigen Stellen zu finden in den Programmen, wo der Wechsel sich auswirken konnte. Wie hatten sie alle gefiebert, die Berufskollegen, und in Bereitschaft gestanden an ihren Anlagen, die Werkzeugkästen aufgeklappt, Notstrom-Aggregate zur Seite, in den letzten Stunden des Jahres 1999! Allein Walter hatte ungerührt seine Maschinerie der üblichen, automatisierten Routine überlassen und war mit Ilka in einen Kurzurlaub geflogen, was viele nie gewagt hätten. Die Ereignisse, besser gesagt Nicht-Ereignisse, hatten ihm Recht gegeben. Das Fatale war nur, daß anschließend niemand, denn im öffentlichen Ansehen waren sie ja praktisch alle blamiert, noch etwas davon hören wollte, welche Schwierigkeiten erst noch bevorstanden. Das Ganze wurde in den Medien bald als gigantischer Fehlalarm abgetan, und alle waren in der Folge stocktaub geworden für Probleme, die etwas mit Jahreszahlen zu tun hatten.

Damit hatte Walter nicht gerechnet. Er hatte sich vorgestellt, und zu spät erkannte er das als unglaubliche Naivität, daß die Erleichterung über die erfolgreiche Verhinderung der Katastrophen frische Kräfte freisetzen würde, die errungenen Erfahrungen nun auf das viel schwierigere Jahr2001-Problem zu konzentrieren. Schon viel früher hätte er mit der Aufklärungsarbeit beginnen müssen! Leider waren seine Erklärungen auch sonst meistens länger als die Geduld der Zuhörer. Dabei lag es für ihn auf der Hand: ob der Wechsel von 1999 zu 2000 in einem Programm korrekt gehandhabt wurde, das war meistens leicht zu erkennen: es wurden halt früher oft nur zwei statt vier Ziffern für die Jahre verwendet. Aber beim Übergang von 2000 zu 2001 lagen die Dinge anders. Auch in neuerer Software steckten meistens alte Bausteine, geschrieben von unbekannten Programmierern, und der Umgang mit Zahlen, nicht nur mit Jahreszahlen, war in früheren Perioden der Softwaregeschichte vollkommen ungeregelt gewesen, Standards gab es erst seit wenigen Jahren. Wie leicht konnte jemand z.B. im Jahre 1974 eine Funktion so eingerichtet haben, daß sie für die Zahlen von 1 bis zur runden 2000 funktionierte, aber dann nicht mehr. Voriges Jahr konnte so ein Programm nicht auffallen. Wie sollte man solche Fälle aber erkennen, wie den Fehler ohne die längst verschollenen oder niemandem mehr verständlichen Quellprogramme herausfinden? Erschwerend kam hinzu, als völlig unkalkulierbare Größe, die Gefahr von Viren, Würmern, Trojanischen Pferden und digitalen Zeitbomben. Ein malignes Unterprogrämmchen zu schreiben, das beim Wechsel zu 2001 aktiv wird, ist sehr leicht, es präventiv zu finden so gut wie unmöglich. Hacker und Saboteure mußten sich herausgefordert fühlen (und war die Szene nicht verdächtig still gewesen in den letzten Wochen?), nachdem sie sich im Vorjahr zurückgelehnt hatten, weil auch sie davon ausgingen, daß es reihenweise Mega-Crashs auch ohne ihr Zutun geben würde.

Es bestanden somit nur zu viele Anzeichen, daß die Desaster tatsächlich ein Jahr zu früh erwartet worden waren, und daß sie jetzt vollkommen überraschend, dafür umso heftiger, über alle und alles hereinbrechen sollten. Die Komplexität der um den gesamten Globus herum vernetzten Systemkonglomerate hatte ja noch exponentiell zugenommen im abgelaufenen Jahr, und damit die Abhängigkeit und Verletzlichkeit aller Lebenszusammenhänge! Unmöglich, auch nur ansatzweise vorherzusehen, wo und wie die Kettenreaktionen ihren Anfang nehmen und wie schnell und in welchen Stadien sie in unheilvollen Synergien alles Zivilisationsgeschehen erfassen und in ein unausmalbares, absolut überlebensfeindliches Chaos versenken würden.

Die Beklommenheit beim Abschied von Ilka war nicht von ihm gewichen, sie war schlimmer geworden. Selbst Ilka hatte er nicht überzeugen können! Unbekümmert und wissend lächelnd hatte sie mit weiblicher Pragmatik das Thema in die Ecke der spitzfindigen, witzig-subtilen Spinnereien abgeschoben, die er sich nicht gar so selten leistete und die nicht jeder so schnell wie sie als solche durchschaute. Er hatte sich dann tatsächlich eingeredet gehabt, es lieber nicht ertragen zu wollen, im Moment des Untergangs Ilka bei sich zu haben und bei vollem Bewußtsein für immer von ihr getrennt zu werden, auf eine noch gar nicht vorstellbare, grauenvolle Weise. Sie zuerst umkommen sehen zu müssen, auch wenn es kurz darauf ihn selber treffen würde? Nein! Selbst am Telefon wollte er das nicht erleben, weshalb er auch nicht in Erwägung zog, sie kurz vor dem Zeitsprung ein letztes Mal anzuläuten, denn in der Hauptstadt, zu spät ging ihm das auf, mußten die jetzt noch unbenennbaren Geschehnisse schneller eskalieren als hier in der Provinz... Als Ilka dann abgereist war, kamen die quälenden Zweifel, und Selbstzweifel gar, schnell über ihn, fiel er in ein nie erlebtes Wechselbad von Empfindungen bis an den Rand lähmenden Entsetzens, wobei er aber in selteneren lichten Momenten nicht wagte, mit irgend jemandem zu reden, aus Furcht, nur hochgezogene Brauen und vielsagende Blicke über den Brillenrand zu ernten.

Schließlich jedoch setzte, knappe Stunden vor dem allbedeutenden Moment, ein erstaunlicher Wandel ein. Gegen jede bisherige Überzeugung begann sich nun auf einmal in Walters Kopf ein vages Bild zu formen, in dem eine Art Weltgeist (warum sollte nicht Hegel recht gehabt haben?) letztlich doch alle Fäden in der Hand halten könnte, ja müsste, dafür sorgend, daß Sinn und Werte der Geschichte und die Errungenschaften der Kultur nicht unter den metaphorischen Rädern einer immateriellen Hochtechnologie zermalmt wurden. Nie hatte er zu Albträumen geneigt, aber in den letzten Tagen waren zermürbende Visionen durchzustehen gewesen, und das in wachem Zustand. Was Wunder, daß jetzt sein Unbewußtes, wovon er wenig verstand, wirksam die Regie übernahm, um die Panik mittels hormoneller Steuerung aus einer tieferen Etage des Zwischenhirns heraus abzublocken. Dem großen Immanuel Kant war so etwas an sich selbst bewußt geworden, als er schrieb: "In dunklen Stunden erlaube ich mir die Hoffnung auf ein höchstes, allmächtiges und gütiges Vernunftwesen". Walter wußte das nicht, empfand nun aber, ganz dicht vor größtmöglichen Schrecknissen, eine nie gekannte innere Ruhe. Und es war jetzt fast an der Zeit, nur wenige Striche mußte der Minutenzeiger noch abzirkeln, auf den Balkon hinauszutreten, um wachen Sinnes und wissenden Geistes das unwiderrufliche Ende einer Weltepoche wahrzunehmen und vom ersten Moment an Zeuge der Entstehung einer neuen zu sein - wobei er keine Hoffnung hegte, daß das zweite sich noch würde ereignen können.

Walter erlebte also infolge der besagten Abläufe in seinem Hormonhaushalt (die sogar verhinderten, daß er sich darüber wunderte) den winzigen letzten Abschnitt des Jahrtausends als tatsächlich langweilige Wartezeit, die er sich, was auch immer kommen möge, auf angenehme Weise zu vertreiben bestrebt war. Er griff deshalb, beinahe gähnend, zur letzten Ausgabe der »Allgemeinen«, die noch ungelesen auf dem Küchentisch lag. Er schätzte das Blatt wegen seines Feuilletons und nicht zuletzt auch wegen der Kurzgeschichten, die darin unregelmäßig zu Sonn- und Feiertagen abgedruckt waren. Schnell hatte er die Seite gefunden und noch schneller nahm sie ihn gefangen: »Der Millenniumfehler« betitelt, von einem ihm unbekannten Verfasser, begann diese Geschichte mit den Worten:  »Die Welt um ihn herum versank, wenn Ernst seinen Computer einschaltete.«  Augenblicklich war Walter elektrisiert, mit wachsendem, ungläubigem Erstaunen, von den sich hier auftuenden Einblicken in ein Innenleben, das seinem eigenen zum Verwechseln ähnlich sah. Er mußte den Anfang mehrmals lesen, um sich zu vergewissern, daß das alles wirklich da stand. Das Sich-Identifizieren mit einer literarischen Figur während des Lesens ist ein normales, jedem Leser bekanntes Phänomen. Hier aber gingen die Ähnlichkeiten weit jenseits jeder Erfahrung. Noch kaum über die Einleitung war er hinaus, als die Welt um ihn herum versank.


© B.E. 2000-12-31